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Symbolbild zu Industrialisierung 4.0 Sind Sie auch schon völlig VUCA?

Industrialisierung 4.0: Gravierende Neuigkeiten in der Welt von gestern

Persönliche Meinung

Sind Sie auch schon völlig VUCA? – Also nicht benebelt oder wahrnehmungsbeeinträchtigt (das heißt es nämlich nicht!), sondern als reflektierte Managerin oder reflektierter Manager, als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter am Puls der Zeit? Nein, sagen Sie jetzt nicht, Sie wissen trotz Internet, Facebook, WhatsApp und Mobilfunk nicht, was diese Abkürzung bedeutet?

Na dann: Entspannen Sie sich! Gründlich! Dann geht’s Ihnen nämlich genau so wie dem Autor; man muss ja wirklich nicht alles wissen. (Obwohl einem das latent und andauernd suggeriert wird. Um Gottes Willen! Man könnte da ja etwas ganz ganz Essenzielles versäumen!) Trotzdem beschleicht einen das Gefühl, da irgendwo nicht mitzukommen … bei der neuesten Technologie, der neuesten Kommunikationsform, beim Internet of Things.

Bei Letzterem hätte der Autor folgende – zumindest für ihn – Horrorvorstellung: Der Kühlschrank bestellt für mich Nahrung, automatisch, die wird aber vorher – no na, auch automatisch – von der Verwaltungssoftware meiner Ärzte genehmigt (also kein Schokolade-Brotaufstrich, Kakao, Ketchup), und bei Anlieferung wird, ähnlich dem aktuellen Giftrecht, ein Liefer- und Entnahmeprotokoll mit automatischer Mengenrelevanz erstellt. Entnehme ich mehr als die erlaubte Tagesdosis, werde ich durch die automatische Warnstimme im Eiskasten gerügt, und sofort erfolgt eine Protokollmeldung …

Digitalisierung der gewohnten Welt

Felix Frei aus der Schweiz hat in seinem Vortrag beim Forum Prävention 2017 in der Wiener Hofburg einen sehr guten Einblick in das Thema Digitalisierung unserer gewohnten Welt gegeben. „VUCA“ steht also für Folgendes:

„V“ = Volatilität, also Unbeständigkeit. Hieß es vor ein paar Jahren, nichts sei so beständig wie der Wandel, stellt sich das jetzt, im Jahr 2017, schon wieder als falsch heraus: Es gibt keine Fixpunkte mehr, alles ist im Fließen, und jedweder Änderungsgrad ist betreff seiner Eintreff- und Umsatzgeschwindigkeit kaum exakt vorhersehbar. Allerdings gehören lineare, allmähliche, fast schon gemütlich anmutende Änderungsverläufe zunehmend der Vergangenheit an: Exponenzielle Änderungsszenarien sind an der Tagesordnung!
Sie können sich noch an Zeiten der Papierfotografie erinnern? Damit arbeiten heute nur mehr Puristen. Innerhalb eines Jahrzehnts wurde durch die Mobiltelefonie mit Kamerafunktion de facto eine ganze Branche fast arbeitslos …

Das „U“ in VUCA steht hier nun für Uncertainity, also Unsicherheit. Wer kennt die EAV nicht, die erste allgemeine Verunsicherung? Und wann hat sie bei Ihnen eingesetzt? Oder besser gefragt: Wann haben Sie sich die das letzte Mal eingestanden? So negativ der Begriff zunächst einmal besetzt scheint, so zwingt Unsicherheit doch, Entscheidungen/Systeme/Lebensstile zu hinterfragen: Ist das noch richtig bzw. sinnvoll? Und schlimmer noch: Die Unsicherheit kann „überspringen“, d. h sie kann mehrere Bereiche unserer gewohnten Umwelt betreffen und somit infrage stellen!
Schlussendlich ist das Ergebnis der überdachten und ergründeten Unsicherheit aber zumeist ein positives, da ergebnisorientiert. Unabgearbeitete Unsicherheit führt zur Verunsicherung und kann eine negative Abwärtsspirale auslösen.

Nun zum „C“, Complexity oder  Komplexität. Nun, die ist doch schon ein alter Bekannter, die hat schon in der Politik herhalten müssen, um alles Mögliche zu erklären: Ja, es war noch nie leicht, und nein, die Höhlenmenschen hatten es definitiv schwerer als wir, und sie lebten nicht so lang, haben aber ihr kurzes Gastspiel auf dem Planeten höchstwahrscheinlich mehr genossen als wir, da sie sich mit ihren Möglichkeiten abgefunden haben und nicht im Internet auf der Suche waren, welche Bedürfnisse es geben könnte bzw. welche uns die Industrie verkaufen möchte, um sie möglichst rasch zu befriedigen. Wer dauernd auf der Suche ist, wird wohl nie richtig ankommen! Daraus erklärt sich auch die Unrast, die vielen Alltagshandlungen bereits innewohnt!

Das „A“ nun steht für Ambiguity – Uneindeutigkeit: Viele neue Phänomene können in den gewohnten Zuordnungsschemata nicht mehr abgelegt werden bzw. generieren ihrerseits wieder das Entstehen neuer Zuordnungsstrukturen, die im ungünstigsten Fall sofort wieder in Konsumzwänge münden.

Zwei Beispiele: Die sogenannten Sozialen Medien sind der größte Etikettenschwindel seit Erfindung des Buchdrucks! Daraus, dass mehrere Computer (= Maschinen, Datenmultiplizierer und Filterer nach der Diktion der Programmierenden) miteinander technisch verbunden sind, resultiert noch lange keine Sozialstruktur! Und die asozialen Nachrichten, die da zum Teil „gelikt und geshart“ werden, hätten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert noch Pistolenduelle ausgelöst und im vorigen Jahrhundert, so verbal vorgetragen, mehrere juristische Klagswellen.

Ein schönes Beispiel, das einem aber in der Sache so richtig die „Grausbirnen“ aufsteigen lässt, ist der Handel mit gefälschten, sogar schädlichen Medikamenten. Und bitte lassen Sie sich jetzt von niemandem erzählen, dass man einen gesetzten, bei uns gesetzlich geforderten Standard nicht kontrollieren könnte, wenn man wollte! Die Gründungsväter großer Pharmariesen würden in ihren Gräbern rotieren, wenn sie denn könnten, würden sie von den rein vom kommerziellen Umsatz getriebenen Geschäftspraktiken des 21. Jahrhunderts erfahren. „Diversity“ in den Sozialstandards führt nicht nur zu kommerziellen Ungerechtigkeiten, sondern zu derart krassen moralischen Unterschieden, dass ein gesicherter Blick in den „europäischen Spiegel“ oft nicht mehr möglich scheint.

Die Treiber des Wandels

Laut Herrn Frei gibt es fünf Treiber des Wandels:

  1. Eine globale „Trustokratie“: D. h. große internationale Handelsriesen haben sich – weitgehend unbemerkt im Übrigen! – zu riesigen Konglomeraten zusammengeschlossen, die nicht nur den Welthandel diktieren, sondern fröhlich die Politik in den für sie interessanten Staaten mitbestimmen
  2. Die technologische Entwicklung: Sie bringt in immer kürzerer Zeit immer bessere Produkte auf die Märkte.
  3. Die Informatik schlechthin: Sie übernimmt – nicht hinterfragt und kritisch beäugt – durch versteckte Rechenalgorithmen immer mehr und vehementer das Kommando über das eigene Leben zum, wie praktisch!, Nutzen der globalen Trusts.
  4. Konsumterror: Menschen wird suggeriert, das Neueste sofort haben zu müssen.
  5. Manager und Managementsysteme: Sie müssen fast immer (quasi als Arbeitsnachweis!?) ein neues System implementieren, ohne zumeist von der Materie etwas zu verstehen.

Das Maß aller Dinge laut Herrn Frei ist die Agilität: Nur durch ein Tänzeln am Stand bekommt ein Boxer die Stabilität, die er braucht, um seinen Kampf gewinnen zu können. Und das ist auch die Empfehlung für jedwede Organisation: Dynamische Stabilität ist gefordert, die von innen heraus gewachsen und strukturiert sein muss. Die klassischen Hierarchien sind zu träge, um rasch und richtig regieren zu können, Sie sind das Ende eines Erfolgsrezeptes. Sie müssen abgelöst werden von Netzwerken, die Rollen mit Verantwortung definieren.

Die voranschreitende Digitalisierung mit ihren exponenziellen Entwicklungen ändert alle Dinge, die unseren Alltag betreffen. Allerdings längst nicht so perfekt wie beworben und behauptet. Und in der Verwundbarkeit dieser schönen mathematischen Systeme liegt auch gleichzeitig der größte Irrglaube begraben: unfehlbar und omnipotent zu sein!

Schöne neue Welt?

Die Brüche in den menschlichen Gesellschaftsstrukturen zeichnen sich bereits ab: Laut Frei kommt es zu einem qualitativen „Easing“, also zur Lockerung der Strukturen, nicht notwendigerweise zu deren Abschaffung oder deren Zerbrechen. Beim Führen der Zukunft wird sich neuer Wein in alten Schläuchen befinden: Das Lernen und das Nutzen von Chancen werden überlebensessenziell. Ebenso wird Resilienz, also Ambiguitätstoleranz, gefordert werden – die Fähigkeit, Neues, das noch nicht eingeordnet werden kann, auszuhalten. Dies sollte allerdings nicht dazu führen, jeden Schwachsinn mitzumachen bzw. nicht rechtzeitig gegen als schädlich erkannte Entwicklungen mit allen zur Verfügung stehenden Ressourcen anzukämpfen!

Der Mensch – das noch immer funktionierende Urzeit-Vieh!

Bei allen digitalen Entwicklungen, die da Platz greifen und sicher noch kommen werden, sollte man eines nicht vergessen: woher wir kommen! Vom Schimpansen unterscheiden uns gerade mal drei Prozent in der Genetik. Die kommen übrigens immer noch ohne Fernseher, Mobiltelefon, Internet und Facebook aus! Biochemisch-genetisch ist der Homo sapiens von Hormonen und Gefühlen geleitet und alltagsbestimmt: Emotionen wie Wut, Angst, Freude, tatsächliche oder vorgetäuschte sexuelle Erfüllung prägen, mehr als wir es wahrhaben wollen – völlig undigital! –, unseren Alltag. Genau das wird aber von digitalen Netzwerken, gebrieft durch gevifte Psychologen, bespielt: Der Mensch braucht Geborgenheit, möchte, wenn möglich, keine Angst haben, braucht soziale Anerkennung. Diese Urbedürfnisse werden jetzt in einer technisch-mathematisch-digitalisierten Welt hineingespielt mit dem Zweck, maximalen finanziellen Nutzen zu generieren: Kaum eine „Neuerung“, wo nicht schon die Dollars, Franken oder Euros winken …

Die moderne Digitalisierungswelt suggeriert uns, dass die Befriedigung all unserer Bedürfnisse (auch derer, die wir ohne dieselbige noch gar nicht gekannt haben!) nur durch aktive Registration, Kauf, Aktion, Kampf, Stellungnahme und dergleichen zu erhalten ist. Auf zur fröhlichen, aktiven, modernen, jungen und agilen Jagd! Bitte permanent hinter dem Mobiltelefon hängen, Infos checken, E-Mails versenden etc. Den Nächsten bitte nur dann beachten, wenn ein Sturz-und-Fall-Unfall (im Sturz über ihn!) droht! In Wirklichkeit ist aber genau das Gegenteil der Fall: Innere Ruhe, Demut und Respekt, die Erkenntnis, Daten und Zahlen als Werkzeug, als Mittel zum Zweck zu sehen, führen zur Erfüllung und nicht zur Daseinserfüllung.

Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse und ihrer Bewertung hinsichtlich Nutzen, Verwertung, Möglichkeiten nimmt dem Menschen jeglichen Handlungsspielraum. Zwischen Ereignissen und ihrer Bewertung müssen Zeiträume vergehen. Das menschliche (urzeitlich funktionierende) Gehirn braucht Zeit, um aus der Distanz Bewertungen und Entscheidungen treffen zu können, zurückgreifend auch auf vergangene Erfahrungen.

Diese Erfahrung, diese Resilienz, das „Aushalten“ bis zu einer möglichen „Einordnung“ wird sogar überlebenswichtig, will der Mensch nicht zum Getriebenen von Dr. Google und Herrn Zuckerberg werden!

Dipl.Ing. Dr. Josef Drobits
AUVA-Landestelle Wien
Unfallverhütungsdienst
josef.drobits@auva.at

Zusammenfassung

Der Autor beleuchtet aus seiner persönlichen Sicht die prognostizierte Entwicklung der Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf den Menschen.

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