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Sichere Arbeit

Ergonomie - die unterschätzte Disziplin

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"Ergonomie wird oft falsch eingeschätzt. Diese Disziplin umfasst einfach wesentlich mehr als das richtige Sitzen auf Bürostühlen." Ing. Walter Ambros, Ergonomie Zentrum Tirol, bricht beim 18. Innsbrucker Ergonomie Forum im November 2011 eine Lanze für eine von vielen verkannte Wissenschaft.

International findet man für den Begriff Ergonomie mehrere Definitionen, immer jedoch geht es im weiteren Sinn um die menschengerechte Gestaltung der Arbeit. "Ergonomie ist in jedem Fall mehr als die ,artgerechte Haltung‘ von Menschen in Arbeitsstätten", bringt es Ing. Walter Ambros vom Ergonomie Zentrum Tirol auf den Punkt. Dass es sich dabei um eine Querschnittsdisziplin handelt, zeigte beim in Zusammenarbeit von Allgemeiner Unfallversicherungsanstalt (AUVA) und Human Work Group Austria organisierten 18. Innsbrucker Ergonomie Forum bereits ein Blick auf die Liste der Referenten: Arbeitsmediziner, Psychologen, Produktdesigner, Techniker und nicht zuletzt Ergonomen - sie alle können ein Beitrag dazu leisten, Arbeitsplätze menschengerechter und damit gesünder zu gestalten.

Heute vielfach noch korrektiv

Dieser Aspekt ist es auch, der Ergonomie für die AUVA im Rahmen ihrer Präventionsstrategien so interessant macht, führte Dipl.-Ing. Michael Wichtl, fachkundiges Organ der AUVA, in seiner Begrüßungsrede aus. Je gesünder der Arbeitsplatz, umso geringer ist die Gefahr von Berufskrankheiten oder berufsbedingten Erkrankungen.

Die heimischen Ergonomie-Proponenten beklagen jedoch, dass ergonomische Grundsätze oft zu spät in die betriebliche Praxis umgesetzt werden. "Ergonomie ist heute vielfach korrektiv, dabei sollte sie ihrem Wesen nach konzeptiv sein", formulierte es Ing. Ambros. Dass bei der Ausstattung neuer Arbeitsplätze nicht immer alle Grundsätze der menschengerechten Gestaltung Berücksichtigung finden, liegt nicht zuletzt auch in der Ausbildung begründet: Nur eine einzige heimische Universität beschäftigt sich mit Fragen der Ergonomie, ein weiterer Ausbau wäre wünschenswert. Ungelöst ist in der Alpenrepublik derzeit auch die Frage der Ausbildung zum sogenannten Euro-Ergonomen. Das Zertifizierungssystem des Centre for Registration of European Ergonomists (CREE) zielt darauf ab, die Anerkennung der arbeitswissenschaftlich-ergonomischen Ausbildung und der Curricula in ganz Europa zu fördern und einheitliche Qualitätsstandards festzuschreiben.

Rückschritt durch Globalisierung

In Deutschland ist man, zumindest was die universitäre Ausbildung in Sachen Ergonomie betrifft, einige Schritte weiter, wenngleich es auch in unserem nordwestlichen Nachbarland noch viel zu tun gibt. Dr. Heiner Bubb, emeritierter Professor für Ergonomie an der Technischen Universität München, warnte in seinem "Ergonomie - Erfolgsfaktor oder Humanschwärmerei" betitelten Referat vor allzu großer Euphorie: Noch in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts, so Prof. Bubb, habe es in der Wirtschaft nicht zuletzt aufgrund der guten Konjunktur viele positive Ansätze zur "Humanisierung der Arbeitswelt" gegeben. Spätestens die erste Welle der Globalisierung in den 1990er-Jahren habe zu einem "Wiedererstarken der rein wirtschaftlichen, ausschließlich gewinnorientierten Interessen" geführt: Für viele Unternehmer sei es kostengünstiger gewesen, Arbeit in Länder mit niedrigen Lohnkosten und nicht vorhandenen staatlichen Vorgaben für die Arbeitsplatzbedingungen zu verlagern. "In diesen Ländern findet man teilweise katastrophale Arbeitsverhältnisse vor, die an die Situation in Europa zu Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert erinnern."

Parallel dazu habe ein Teilaspekt der Ergonomie, nämlich die ergonomische Produktgestaltung, an Einfluss gewonnen. "Unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit ist dies auch nicht verwunderlich, zumal man sich von ergonomisch gestalteten Produkten eine bessere Kundenzufriedenheit und damit höhere Verkaufschancen verspricht. Da des einen Produkt des anderen Werkzeug ist, kann man sich über diesen Weg zumindest partiell eine Verbesserung der Produktionsverhältnisse versprechen."

Neue Herausforderungen durch demografischen Wandel

In den nächsten Jahrzehnten, warnt Prof. Bubb, werde die Ergonomie mit neuen Herausforderungen konfrontiert: Die Verschiebung der Alterspyramide - 2050 wird fast ein Drittel der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein - müsse zwangsläufig dazu führen, dass man sich bei der Gestaltung der Arbeitsplätze "massiv" um die Besonderheiten älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmere. Während sich Altersdefizite im mentalen Bereich durch Erfahrung gut kompensieren ließen, verhindere der körperliche Abbau, dass schwere körperliche Tätigkeiten auch noch in höherem Lebensalter durchgeführt werden können. Gleichzeitig würden kraftsparende Arbeitshilfen von jüngeren Mitarbeitern ignoriert, was zur Folge habe, dass viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen über 40 mit körperlichen Schädigungen zu kämpfen hätten, die sie unfähig machten, schwere körperliche Arbeit in höherem Alter zu verrichten. Diese Mitarbeiter könnten dann aber auch schwer zu eher mentalen Tätigkeiten umgeschult werden. "Eine wichtige arbeitsgestalterische Aufgabe besteht also darin, in großem Umfang schwere körperliche Arbeit zu substituieren", fasste Prof. Bubb zusammen. Aus der Sicht des Ergonomen bestehe dabei auch kein Anlass zur Sorge, dass im Zuge dieser Substitution Arbeitsplätze wegfielen, indem sie beispielsweise von Handhabungsgeräten ersetzt würden: "Ist es dann human, inhumane Tätigkeiten nur um der Tätigkeit willen zu erhalten, wenn es Möglichkeiten gibt, diese zu beseitigen?"

Analysen hätten gezeigt, dass körperliche Arbeit meist dort erhalten bleibt, wo die besonderen Fähigkeiten des intelligenten Menschen in Verbindung mit körperlicher Arbeit gefordert werden. Ausgehend davon sieht Bubb einen Lösungsansatz in einer neuen Arbeitsteiligkeit zwischen Mensch und Maschine: Der Roboter übernimmt die schwere Kraftarbeit und der Mensch die intelligente Informationsarbeit. Derzeit erfordert die Realisierung derartiger Arbeitsplätze aus Sicherheitsgründen allerdings eine strikte Trennung von Mensch und Maschine. Verschiedene Forschungsprojekte beschäftigen sich jedoch bereits mit neuen Konzepten der Mensch-Maschine-Zusammenarbeit, deren Ziel ein Durchbrechen dieser Trennung bei gleichzeitiger Wahrung aller sicherheitsrelevanten Aspekte ist.

Wolfgang Hawlik, AUVA, HSP
Adalbert-Stifter-Straße 65
1200 Wien
Tel.: +43 1 331 11-253
Fax: +43 1 331 11-610

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