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Sichere Arbeit

Unfälle mit Gefahrstoffen - eine Herausforderung für Einsatzkräfte

FEUERWEHR

Immer häufiger sind Einsatzkräfte - insbesondere Feuerwehren - bei Brandeinsätzen, Verkehrsunfällen und technischen Schadenslagen mit Gefahrstoffen wie Gasen, Treib- oder Explosivstoffen sowie ätzenden oder toxischen Substanzen konfrontiert. Um im Ernstfall sicher und effizient handeln zu können, ist ein hohes Maß an Fachwissen, Ausbildung und Training erforderlich … passendes Equipment und Schutzausrüstung vorausgesetzt!

Die chemische Industrie stellt unbestritten einen herausragenden Wirtschaftszweig dar - ohne die Vielzahl und die große Bandbreite ihrer Produkte wäre der Alltag für uns wohl kaum mehr vorstellbar. Doch bei all ihren Annehmlichkeiten hat diese Produktvielfalt auch ihre Schattenseite: nämlich dann, wenn Prozesse außer Kontrolle geraten oder Produkte unkontrolliert freigesetzt werden. Schnell können diese dann vom lieb gewonnenen Gut zur tödlichen Bedrohung avancieren. Bei Produktion, Transport und im Schadensfall ist daher der Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt höchste Priorität einzuräumen.

Ein Szenario, wie es jederzeit vorkommen kann

Pkw gegen Eisenbahn-Kasselwaggon (EKW) samt Produktaustritt bei Letzterem: Dieses Übungsszenario zeigt eindrucksvoll das sich entwickelnde Gefahrenmoment. Beim Produkt­austritt von Trichlormethylsilan - einer farblosen, klaren Flüssigkeit mit stechendem Geruch, die z. B. bei der Herstellung von Fotovoltaikanlagen Anwendung findet - bildet sich nämlich durch Kontakt mit Wasser oder Luftfeuchtigkeit Salzsäure bzw. eine Salzsäurewolke. Aufgrund des sehr niedrigen Flammpunkts des Produkts entstehen zusätzlich hochexplosive Dämpfe.
In diesem konkreten Übungsfall legten die Einsatzkräfte als Erstmaßnahme einen Absperrbereich fest und bannten die Explosionsgefahr durch das Aufbringen von Schwer- und Mittelschaum. Gleichzeitig konnte ein entsprechend ausgerüsteter Rettungstrupp die Rettung des Fahrers durchführen. Anschließend wurde die verletzte Person einer Not-DEKO (Dekontamination) unterzogen und dem Rettungsdienst übergeben. Parallel machte sich ein weiterer Trupp, ausgerüstet mit schwerem Atemschutz und Chemikalienschutzanzügen der Stufe 3 (umluftunabhängig und gasdicht), an das Abdichten des Kesselwaggons, um einen weiteren Produktaustritt und eine damit verbundene Kontamination der Umwelt zu verhindern. Auf dem mittlerweile errichteten DEKO-Platz nahm man dann bei allen eingesetzten Trupps eine gründliche Reinigung vor, um einer weiteren Verschleppung des Schadstoffes vorzubeugen.

Hohe Anforderungen an die PSA, aber auch an die körperliche Fitness

Wie im oben dargestellten Übungsszenario sind Einsatzkräfte bei Schadstoffeinsätzen auf adäquate Schutzausrüstung angewiesen. Hierfür stehen der Feuerwehr - zusätzlich zum umluftunabhängigen Atemschutz - Schutzanzüge in vier Stufen zur Verfügung:

  • Unter Schutzanzügen der Stufe 1 versteht man die normale Einsatzbekleidung. Diese umfasst Helm, Schutzjacke, Schutzhose, Schutzstiefel und Schutzhandschuhe.
  • Schutzanzüge der Stufe 2 sind nicht gasdicht und werden meist eingesetzt, wenn die Gefährdung durch Gase/Dämpfe geringer ist. Durch den beschränkten Atemluftvorrat beträgt die Einsatzzeit für derart ausgerüstetes Personal etwa 20 bis 25 Minuten.
  • Schutzanzüge der Stufe 3 sind gasdichte PSA, sogenannte Gasschutzanzüge. Diese Schutzanzüge können zusätzlich zum Pressluftvorrat ihrer Träger fremdbelüftet werden, um eine längere Arbeits- und Aufenthaltsdauer zu ermöglichen.
  • Bei der Schutzstufe 4 ist der gasdichte Schutzanzug der Stufe 3 noch zusätzlich mit einer hitzeabweisenden Schicht versehen, um auch Arbeiten unter Hitzeeinwirkung zu ermöglichen.

Die Anforderungen an das verarbeitete Schutzanzugsmaterial sind entsprechend hoch. Die Hersteller garantieren die Beständigkeit des Materials und geben sogenannte Durchbruchszeiten an. Je nach einwirkendem Stoff sind diese sehr unterschiedlich (z. B. Ammoniak > 540 min., Schwefelsäure 96 % > 240 min. Quelle: Dräger CPS 7900 Chemikalienschutzanzug). Wie jede PSA sind auch Schutzanzüge in regelmäßigen Abständen zu überprüfen und gegebenenfalls zu ersetzen. Einsätze oder Arbeiten, bei denen Schutzanzüge getragen werden müssen, stellen an den Träger hohe körperliche Anforderungen. Neben dem Gewicht der Schutzausrüstung - diese kann leicht die 30-Kilogramm-Grenze überschreiten - spielen weitere Belastungsmomente wie eine Einengung des Gesichtsfeldes, Tragen des Atemschutzgerätes, schlechte Verständigung, Wärmestau, eingeschränkte Beweglichkeit und psychische Faktoren wie z. B. Stress oder erhöhter Leistungs- bzw. Erfolgsdruck eine nicht unbedeutende Rolle. Abhängig von der Umgebungstemperatur und der Schwere der zu verrichtenden Arbeit kann die zulässige Einsatzzeittabelle (ZEZ) als Richtwert herangezogen werden (siehe Lehrgangsunterlagen NÖ Landesfeuerwehrschule Schutzanzugslehrgang praktisch bzw. Ausbildungsunterlagen Fa. Dräger oder MSA Auer für den Einsatz mit Schutzanzügen): Durch den hohen Flüssigkeits- und Salzverlust während der Arbeiten mit einem Chemikalienschutzanzug muss auf die rechtzeitige Ablöse und eine ausreichende Regenerationszeit der Schutzanzugträger geachtet werden. Auch hat für jeden im Einsatz befindlichen Trupp immer ein zweiter, vollausgerüsteter Trupp bereitzustehen, um im Notfall sofort eingreifen zu können (Kameradenrettung).

Hilfestellung durch das Transport-, Unfall-, Informations- und Hilfeleistungssystem (TUIS)

Nicht jeder Feuerwehr stehen diese PSA und das Spezialequipment zur Bewältigung solcher Schadensfälle zur Verfügung. In Österreich gibt es bezirksweise Stützpunkt- oder Betriebsfeuerwehren, die für solche Einsätze ausgerüstet sind und - als ein Bereich des TUIS-Hilfeleistungssystems - bei Bedarf angefordert werden können. TUIS, selbst Bestandteil des europäischen Hilfeleistungssystems ICE (International Chemical Environment), ist ein Angebot der chemischen Industrie, über das im Fall des Falles Fachwissen und Unterstützung bereitsteht. Es kann von Behörden, Polizei, Feuerwehren und den Bundesbahnen rund um die Uhr abgerufen werden und bietet konkret folgende Leistungen und Unterstützungsformen an:

  • Elektronische Produktdatenbank unter www.tuis.at
  • Stufe 1:  Telefonische Beratung über Produkteigenschaften durch Hersteller, Händler, Warenempfänger oder TUIS-Mitgliedsfirmen
  • Stufe 2: Beratung am Unfallort durch vom Unternehmen entsendete Fachkräfte oder örtlich nähergelegene TUIS-Mitgliedsfirmen
  • Stufe 3: Beratung und technische Hilfe am Unfallort durch Stützpunkt- oder Betriebsfeuerwehren mittels Spezialausrüstung und -geräten.

Die Inanspruchnahme von TUIS ist für Einsatzkräfte und Behörden ebenso kostenlos wie die telefonische Beratung. Eventuell anfallende Kosten, die im Rahmen von Hilfestellungen erwachsen, werden den Transportversicherern in Rechnung gestellt. Weiterführende Informationen finden sich im Internet unter
www.tuis.at bzw. beim Fachverband der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO).

LITERATUR:
Fachberatung durch den BSB Schadstoffe des BFKDO Baden (NÖ)
Hommel interaktiv (2011): Handbuch der gefährlichen Güter - CD-ROM. Springer Verlag
ÖBFV, SG 4.6 - Gefährliche Stoffe. Information Personen-Dekontamination und Einsatzhygiene (2009)
Schadstoffrichtlinie des NÖ LFV (2009)
www.draeger.com [Internetabruf 2.10.2011]
www.tuis.at [Internetabruf 2.10.2011]

Mag. Patrick Winkler, AUVA
Adalbert-Stifter-Straße 65
1200 Wien
Tel.: +43 1 331 11-417,
Fax: +43 1 331 11-610

Zusammenfassung

Einsatzorganisationen werden bei Schadenslagen immer häufiger mit Gefahrgütern unterschiedlichster Art konfrontiert. Das notwendige Equipment, insbesondere die dafür notwendige PSA, steht aber nicht jeder Feuerwehr zur Verfügung, wie das dargestellte Beispiel illustriert. Als Teil des europäischen Hilfeleistungssystems ICE (International Chemical Environment) bietet die Chemische Industrie Österreichs Behörden und Einsatzkräften das TUIS-Hilfeleistungssystem an, welches je nach Notwendigkeit von telefonischer Beratung bis zur Hilfe vor Ort reicht.

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