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Sichere Arbeit

Absturz! Was nun?

SICHERHEIT AM BAU

Bergung und Erste Hilfe nach einem Sturz in ein Auffangsystem (persönliche Schutzausrüstung) sind Maßnahmen, die ein hohes Maß an Wissen, Erfahrung und Übung voraussetzen. Scheinbar gelungene Aktionen können manchmal für den Gestürzten in letzter Minute noch tödlich enden. Eine hockende Lagerung des Geborgenen ist lebensrettend.

Das im Folgenden beschriebene Absturzszenario ist nicht der Absturz bis zur letzten Konsequenz, bis zum Aufschlag am Boden. In diesem Fall wäre das „Was nun?“ schnell abgehandelt: durchschnittlich 80 Tage Krankenstand, bleibende Behinderungen oder Tod.

PSA: Weder Allheilmittel noch Alibi

Hier soll vielmehr der Absturz in die persönliche Schutzausrüstung (PSA) Thema sein. Zu oft wird gerade die persönliche Schutzausrüstung als Allheilmittel gesehen oder als Alibi verwendet. Immer wieder trifft man in der Praxis auf einen allzu sorglosen Umgang und blankes Unwissen … und somit auf eine lebens- und gesundheitsgefährdende Verwendung der PSA, die man dann zu Recht als „Alibi“ bezeichnen kann. Der Auffanggurt – hier ist immer der Brust-Sitzgurt gemeint – hat tatsächlich seine Tücken: Zu locker und zu lässig angelegt, mit bis fast zu den Knien hängenden Beinschlaufen ist im Falle eines Sturzes mit Hüftluxationen und schmerzhaften, manchmal irreparablen Verletzungen im Genitalbereich zu rechnen. Sitzt der Gurt hingegen gut und stramm, ist das der erste richtige Schritt zur Sicherheit.

Ein komplexes System schützt den Menschen

Die persönliche Schutzausrüstung ist ein System aus Gurt, Falldämpfer, Seilkürzer und Seil. Dabei handelt es sich zweifellos um „High-tech-Maschinen“, die mit dem alten Kälberstrick nicht im Entferntesten zu vergleichen sind. Ohne Falldämpfer wird der stürzende menschliche Körper viel zu hart gebremst. Dann geschieht – sehr simplifiziert und bildlich beschrieben – Folgendes: Die Körperhülle wird ruckartig gestoppt, die inneren Organe bewegen sich im Körper weiter, Muskeln, Sehnen, vor allem aber Adern und Venen reißen, und der Gestürzte verblutet nach innen.

Das Seil spielt eine ebenso wesentliche Rolle. Es muss alle auftretenden Kräfte halten und ableiten, ist die Lebensader. Moderne Kunststoffseile haben viele hervorragende Eigenschaften, sie bedürfen aber auch einer gewissen Achtsamkeit. Chemikalien, Hitze und scharfe Kanten sind „Seilkiller“ ersten Ranges. Gerade das Spenglergewerbe hat von alledem jede Menge zu bieten: Laugenstein, Lötlampe, Blechränder … So ist beispielsweise ein maschinell geschnittenes Kupferblech in Sachen Schneideverhalten einer Rasierklinge durchaus ebenbürtig. Aber schon eine rechtwinkelige Betonkante kann zum Versagen einwandfreier und zugelassener Personensicherungsseile führen, egal ob diese aus Kunststoff oder Stahl hergestellt sind.

Ferner gilt es auch durch konsequenten Gebrauch des Seilkürzers die Schlaffseilbildung und somit das Abstürzen, besonders über eine Kante, zu verhindern. „Je mehr Schlaffseil, umso mehr Auweh“: Dieser Ausspruch der Alpinisten lässt sich im gewerblichen Bereich beim Sturz über Kanten noch durch „… umso wahrscheinlicher Seilriss“ ergänzen.

Auf die richtige Bergung kommt es an

Nehmen wir nun einen Sturz über eine Traufe oder eine Attika an. Das Auffangsystem hat gehalten. Alles gewonnen, sollte man meinen. Sehr schnell wird man aber erkennen müssen, dass eine Bergung nach oben nicht möglich ist – ebensowenig wie ein Ablassen des Verunfallten. Man wird ihn nicht aus seinem System herauslösen können. Eine Winde zum Anheben und Hinunterlassen ist meist nicht vorhanden, und wenn, dann kann sie oft nirgends auf geeignete Weise montiert werden.

Die wahrscheinlichste Bergeart ist jene durch die Feuerwehr. Doch die Bergung muss möglichst rasch erfolgen, da regloses Hängen schon nach wenigen Minuten lebensbedrohlich wird. Spätestens nach einer Viertelstunde ist mit körperlichen Schäden und baldigem Versagen der Lebensfunktionen zu rechnen. Sofort muss professionelle Hilfe angefordert werden. Und das – um keine Zeit zu vergeuden – unabhängig von etwaigen eigenen Bergeversuchen, die parallel laufen können.

Oft wundern sich Beteiligte und Zuschauer, wenn die herbeigerufenen Einsatzkräfte die abgestürzte Person auf etwas eigenwillige Art bergen: Sie werden den hängenden Menschen auch hängend bergen. Und das, obwohl an den Kränen und Leitern neben dem Arbeitskorb auch Halterungen für Tragen angebracht sind, die einen liegenden Transport zum Boden möglich machten. Würde man aber den Menschen, der mehrere Minuten gehangen ist, plötzlich in die Horizontale drehen, wäre das wahrscheinlich sein Todesurteil. Nach der Bergung wieder am Boden, ist die verunglückte Person mit aufrechtem Oberkörper und angezogenen Knien in einer Hockstellung zu lagern. Der Notarzt der Rettung ist über den Grund dieser speziellen Lagerung zu informieren und diese Stellung mindestens so lange beizubehalten, wie das Hängen gedauert hat.

Kollektive Sicherungsmaßnahmen: Sicherheit und Ergonomie vereint

Die persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz stellt zweifellos eine wirksame Methode zur Sicherung dar, aber um damit wirklich sicher sein zu können, ist viel Wissen und oftmalige Übung notwendig.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet bekommt die kollektive Sicherungsmaßnahme noch mehr Gewicht. Gerüste, Dachfanggerüste, Mastkletterbühnen und dergleichen bieten neben Sicherheit auch optimale Standplätze, von denen aus qualitativ hochwertige Arbeit schneller und ergonomischer geleistet werden kann.

Dipl.-Ing. Erich Bata
AUVA, Abteilung für Unfallverhütung und Berufskrankheitenbekämpfung
Adalbert-Stifter-Straße 65
1200 Wien
Tel.: +43 1 331 11-659
E-Mail:
erich.bata@auva.at
www.auva.at

Zusammenfassung

Moderne Auffangsysteme (persönliche Schutzausrüstung) sind komplexe Hightech-Geräte, die es bei richtiger Wartung und Anwendung erlauben, einen Absturz glimpflich zu überstehen. Hängt eine Person in einem derartigen System, dann müssen bei der Bergung einige lebenswichtige Punkte beachtet werden, sowohl was das Abseilen auf den Boden als auch was die Lagerung betrifft: Ein hängender Mensch muss auch hängend abgeseilt werden, eine hockende Lagerung des Geborgenen ist lebensrettend.

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