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Sichere Arbeit

Die gefährliche neunte Stunde

Statistik

Wann werden wir zu müde? Diese Frage ist mit einem Blick auf die Unfallstatistik relativ genau zu beantworten: Denn immer dann, wenn die Konzentration nachlässt, steigt auch das Unfallrisiko.

16:15 Uhr. Der Maschinenmechaniker Markus W. betätigt das falsche Pneumatikventil und klemmt sich den Finger böse ein. Die scharfen Kanten zwischen Niederhalter und Werkstückträger führen zu einer schweren Rissquetschwunde.

17:30 Uhr. Beim Warenabstapeln löst sich ein Rollcontainer, er fällt auf den Rücken des Lagerarbeiters Paul F., Kollegen alarmieren die Rettung.

22:15 Uhr. Kfz-Techniker Norbert S. stößt beim Ausschalten des Kühlgerätes mit dem Kopf gegen ein Produktionsteil am Roboter. Unfallfolge: zehn Tage Krankenstand.

Die Statistik zeigt signifikante Spitzen

War das alles Zufall? Alle drei Personen haben am Unfalltag bereits mehr als acht Stunden Erwerbsarbeit hinter sich, für Markus W. und Dominik F. begann der Arbeitstag am Morgen, die Schicht von Herrn S. fing um 14 Uhr an. Ab der neunten Arbeitsstunde steigt das Unfallrisiko für alle Beschäftigten deutlich an. Dies veranschaulicht eine nach Berufs- und Altersgruppen vorgenommene Stichprobe  der Statistikabteilung der AUVA.

19 Prozent aller Arbeitsunfälle im engeren Sinn passieren in Nachmittagsschichten, das ist ein beträchtlich hoher Wert, bedenkt man, dass in Österreich nur ein Fünftel aller Arbeitnehmerinnen überhaupt Schichtarbeit leistet. Die meisten Arbeitsunfälle – nämlich seit Jahren konstant über 20 Prozent – ereignen sich zwischen 10 und 12 Uhr vormittags. Offensichtlich absolviert ein Großteil der Erwerbstätigen zu dieser Zeit bereits die vierte oder fünfte Arbeitsstunde. Österreich ist – in Bezug auf die Arbeitswelt – ganz sicher auch ein Land der Frühaufsteher.

Je länger der Arbeitstag, umso höher das Unfallrisiko

Wie sieht es in den unterschiedlichen Berufsgruppen aus? Für die Bau- sowie die Verkehrs- und Speditionsberufe liegen die Spitzen in der prozentualen Verteilung der Arbeitsunfälle erst nach der achten geleisteten Arbeitsstunde. Bei den Gesundheitsberufen passieren die meisten Arbeitsunfälle zwar in der zweiten und in der fünften Stunde, aber auch hier sind die Werte ab der achten sowie aber der zwölften Arbeitsstunde erhöht. Metallberufe – eine weitere relativ unfallgefährdete große Gruppe – weisen in unserer Stichprobe allerdings eine andere Verteilung auf.

Bei den Unfallmeldungen der AUVA wird auch nach dem geplanten Arbeitsende am Unfalltag gefragt: In zehn Prozent der Fälle passiert der Arbeitsunfall in der letzten geplanten Arbeitsstunde – ob nun die Schicht um 14 oder um 18 Uhr endet oder gar nicht Schicht gearbeitet wird. Die Konzentration bis zur letzten Minute scheint schwer aufrecht zu erhalten zu sein. Nur die Hälfte dieser Unfälle passierte gleichzeitig auch in der neunten oder zehnten Arbeitsstunde, fast der gesamte Rest früher. Zudem ist nicht egal, wie alt die Beschäftigten sind: In der Gruppe der 35- bis 45-Jährigen findet sich die „Nachmittagsspitze“ später als bei den jüngsten ArbeitnehmerInnen. Beschäftigte zwischen 25 bis 34 verunfallen nach geleisteten sieben oder acht Arbeitsstunden wiederum nicht ganz so häufig.

Zwei Branchen unter der Lupe

Wenden wir uns nun zwei Branchen gezielt zu: Eine der höchsten Unfallraten gab es 2012 mit 84,93 auf 1.000 Selbstständige und Unselbstständige im Hochbau.  Bei der Güterbeförderung im Straßenverkehr liegt der entsprechende Wert zwar „nur“ bei 45,5 – da aber gerade hier relativ lange Arbeitszeiten möglich sind, sei das die zweite in die genauere Betrachtung einbezogene Wirtschaftsklassengruppe.

Für die genannten Branchen wurde jeweils nur die Altersverteilung als Schichtungskriterium zugrunde gelegt: 14,7 Prozent jugendliche Arbeitnehmer unter 25 Jahren, 23,4 Prozent zwischen 25 und 34 Jahren, 26 Prozent zwischen 35 und 44 Jahren, 27 Prozent von 45 bis 54 Jahren, der Rest darüber.

18 Prozent aller Arbeitsunfälle im Hochbau passierten nach mehr als sieben geleisteten Arbeitsstunden, 12 Prozent nach mehr als acht und weitere 14 Prozent nach mehr als neun geleisteten Arbeitsstunden. Bei den 45- bis 55-Jährigen wird die höhere Unfallhäufigkeit nach der siebenten Stunde am deutlichsten ersichtlich.

Ein etwas anderes Bild zeigt sich bei genauerem Blick auf die Güterbeförderung im Straßenverkehr, eingeschränkt auf die Fahrzeuglenker: Hier ereignet sich ein Fünftel aller Arbeitsunfälle nach der dritten vollendeten Arbeitsstunde, jeweils 12 Prozent sind es nach sechs bzw. nach sieben Arbeitsstunden.  Die 45- bis 54-Jährigen haben hier den höchsten Anteil, knapp gefolgt von den 35- bis 44-Jährigen. Bei den Arbeitsunfällen nach drei Stunden liegt dagegen der Anteil der Lenker unter 35 Jahren bei 60 Prozent. Die erlaubte Tageslenkzeit für Lkw-Fahrer von neun Stunden wurde ebenfalls in etlichen Fällen überschritten.

Mag. Beate Mayer
AUVA-Hauptstelle, Leiterin der Abteilung Statistik
Adalbert-Stifter-Straße 65
1200 Wien
E-Mail:
HST@auva.at

Zusammenfassung

Dass das Unfallrisiko mit der Dauer der Arbeitszeit steigt, ergeben nicht zuletzt die Arbeitsunfalldaten der AUVA aus dem Jahr 2012. Beim Bauwesen - demonstriert am Hochbau - sind die Unfallzahlen in der achten Arbeitsstunde am höchsten; bei Berufsfahrern ereignen sich die meisten Arbeitsunfälle nach der dritten abgeleisteten Arbeitsstunde, die zweitmeisten bereits nach der ersten. Ein Anstieg findet sich allerdings auch nach der siebenten und achten Arbeitsstunde.

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