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Prävention zahlt sich aus

Indirekte Folgen von arbeitsbedingten Erkrankungen und Arbeitsunfällen verursachen laut einer Studie des WIFO die höchsten Kosten.
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Prävention zahlt sich aus. Dieser Satz ist durchaus wörtlich zu verstehen, wie eine neue Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) zeigt. Das gilt insbesondere dann, wenn man neben den direkten auch die indirekten und die sogenannten intangiblen – also immateriellen – Kosten berücksichtigt. Präventionsmaßnahmen können eine deutliche Verringerung der Kosten sowohl für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie für das Sozialsystem bewirken.

Die im Auftrag der Bundesarbeitskammer vom WIFO erstellte Studie „Die Kosten arbeitsbedingter Unfälle und Erkrankungen in Österreich“ knüpft an einen von der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz (EU-OSHA) entwickelten Ansatz an. Die EU-OSHA hatte im Zuge eines mehrjährigen Forschungsprojekts, das 2019 zu Ende ging, erstmalig den Versuch einer umfassenden und detaillierten Schätzung der Kosten von Arbeitsunfällen, arbeitsbedingten Erkrankungen und Todesfällen auf europäischer Ebene unternommen.

Folgekosten in Österreich

„Wir haben eng mit der EU-OSHA zusammengearbeitet, die uns ihre Berechnungsmodelle zur Verfügung gestellt hat“, erklärt Mag. Christine Mayrhuber, Senior Economist des WIFO und Ko-Autorin der österreichischen Studie. Damit konnten auch für Österreich die Folgekosten der tödlichen und nicht tödlichen Unfälle und Erkrankungen, die auf Belastungen und gesundheitliche Risiken in der Arbeitswelt zurückzuführen sind, ermittelt werden. In der österreichischen Studie wurden, ebenso wie in der europäischen, zwei Modelle kombiniert: das Top-down- und das Bottom-up-Modell. Ein Problem stellte laut Mayrhuber die schlechte Datenlage dar: „Es gibt – abgesehen vom Arbeitsklima-Index der Arbeiterkammer – kaum Erhebungen zu Belastungen am Arbeitsplatz. Da sind die Betriebe gefordert. Die Erhebung dieser Daten bringt zwar kurzfristig einigen Aufwand mit sich, mittel- und langfristig rentiert es sich aber zu wissen, welche Belastungsfaktoren es gibt und welche Faktoren die Gesundheit fördern.“ Um ein aussagekräftiges Bild der heimischen Situation zu erhalten, wurden fehlende Informationen in der Studie durch nicht explizit für Österreich erhobene Daten ergänzt. Die Berechnungen sind daher nicht punktgenau, sondern nur größenordnungsmäßig zu interpretieren. Da Datenmaterial aus 2015 herangezogen wurde, sind die Entwicklungen der letzten Jahre und insbesondere die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Situation am Arbeitsplatz nicht berücksichtigt.

Erstmals hat das WIFO die Gesamtkosten von arbeitsbedingten Erkrankungen und Unfällen erhoben. Adobe Stock

Das Top-down-Modell

Das Top-down-Modell zieht als Grundlage die gesundheitliche Gesamtlast durch Unfälle und Erkrankungen in der Bevölkerung heran und ermittelt davon ausgehend den arbeitsbedingten Anteil. Die gesundheitliche Last setzt sich aus der Summe der Lebensjahre, die durch vorzeitige Sterblichkeit verloren gehen, und einer nach Art und Schwere der gesundheitlichen Beeinträchtigung gewichteten Summe an Lebensjahren zusammen.

Für Österreich wurden für das Jahr 2015 als arbeitsbedingter Anteil 52.164 durch vorzeitigen Tod verloren gegangene Lebensjahre errechnet. Dazu kommen 55.715 durch Krankheit oder Invalidität beeinträchtigte Lebensjahre, in Summe also mehr als 100.000 Jahre. Das bedeutet eine Gesamtbelastung im Ausmaß von rund 260 Jahren je 10.000 Erwerbstätige. Betrachtet man die Ursachen, so liegen Krebserkrankungen mit 25 Prozent an erster Stelle, mit Abstand gefolgt von Verletzungen, psychischen Erkrankungen, Muskel-Skelett-Erkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Obwohl Muskel-Skelett-Erkrankungen die Hauptursache für Krankenstände sind, nehmen sie bei der Berechnung des Verlusts an (gesunden) Lebensjahren den vierten Platz ein. In der Studie wird auf die Gründe der Reihung nicht eingegangen. „Krebserkrankungen führen am häufigsten zu vorzeitigem Tod. Im Unterschied dazu haben MSE meist ‚nur‘ eine eingeschränkte Lebensqualität zur Folge und sind oft auch besser behandelbar als andere Erkrankungen“, nennt Mayrhuber eine mögliche Erklärung für die Reihenfolge.

Direkte Kosten

Beim Bottom-up-Modell ermittelt man zuerst die Arten der Kosten, die mit arbeitsbedingten Erkrankungen und Unfällen zusammenhängen, und rechnet sie dann zusammen. Es werden drei Arten von Kosten unterschieden: direkte, indirekte und intangible. Zu ersteren zählen unmittelbar anfallende Kosten für Beschäftigte in Form von Eigenbeteiligung an Behandlungsleistungen und Pflege, darüber hinaus Kosten, die das Gesundheitssystem für Behandlungen und Entschädigungen übernimmt, sowie Verwaltungsaufwendungen. Die direkten Kosten betrugen in Österreich für das Jahr 2015 etwa 946 Millionen Euro, wobei mit etwas mehr als 70 Prozent der größte Anteil auf Behandlungen im öffentlichen Gesundheitssystem entfiel. Die Eigenbeteiligung der betroffenen Personen belief sich auf rund 129 Millionen Euro. Die informelle Pflegetätigkeit, die typischerweise im unmittelbaren Umfeld der betroffenen Person – meist von Angehörigen – geleistet wird, wurde mit etwas weniger als 133 Millionen Euro bewertet.

„Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sind die direkten Kosten am ehesten bewusst. Laut unserer Studie machen sie aber nur einen geringen Anteil an den Gesamtkosten aus“, so Mayrhuber.

Von einer Gesamtkostenlast von 9,9 Milliarden Euro für arbeitsbedingte Erkrankungen und Unfälle fallen laut den Berechnungen 16 Prozent allein für Muskel-Skelett-Erkrankungen an. ©Stockfotos-MG - stock.adobe.com

Indirekte Kosten

Die indirekten Kosten setzen sich aus mehreren Faktoren zusammen: Zu den Produktions- und Wertschöpfungsverlusten zählen weiterbezahlte Löhne und Gehälter sowie Lohnnebenkosten. Den Betrieben entstehen auch Anpassungskosten, weil z. B. Überstunden anderer Arbeitskräfte erforderlich sind oder Leiharbeitskräfte beschäftigt werden müssen. Dazu kommen Kosten für den administrativen Aufwand, der sich aus der Verwaltung von Einkommensersatzleistungen wie Krankengeld, Versehrtenrenten, Invaliditätspensionen oder anderen Dienstleistungen für die erkrankten bzw. verunfallten Personen ergibt.

In zahlreichen Studien werden die indirekten Kosten auf diese marktwirtschaftlichen Effekte des gesundheitlich bedingten Ausfalls der Arbeitskräfte, sowohl unmittelbar durch Krankenstand als auch längerfristig durch Invalidität, beschränkt. Das WIFO folgt in seiner Studie dem Ansatz der EU-OSHA. Dieser berücksichtigt auch Wertschöpfungsverluste, die dadurch entstehen, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer trotz gesundheitlicher Einschränkungen arbeiten gehen, allerdings nicht die volle Leistung erbringen können. Die Kosten dieses sogenannten Präsentismus sind nur schwer quantifizierbar. Gerade bei Muskel-Skelett-Erkrankungen verzichten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer trotz anhaltender Beschwerden häufig darauf, in Krankenstand zu gehen.

Ebenfalls nur schwer in Zahlen fassen lassen sich abseits des Arbeitsplatzes anfallende Kosten in Form von entgangener Haushaltsproduktion. Darunter versteht man Leistungen, die in Privathaushalten erbracht werden, etwa Hausarbeit, Kinderbetreuung oder häusliche Krankenpflege. Personen, die dauerhaft arbeitsunfähig sind und funktionale Einschränkungen im Alltag haben, können auch diese Tätigkeiten nicht in vollem Umfang ausüben. In die Studie des WIFO floss eine Schätzung für die Kosten der entgangenen Haushaltsproduktion mit ein.

Überraschend war für mich, wie hoch der Kostenanteil arbeitsbedingter Erkrankungen ist, aber es freut mich, dass wir anhand der sinkenden Unfallrate in Österreich erkennen können, dass die Präventionsarbeit sich lohnt und Erfolg hat.

Stefanie Wunderl

Ordnet man jedem der zu den indirekten Kosten beitragenden Faktoren einen finanziellen Wert zu, so ergibt sich folgendes Bild: Wertschöpfungsverluste belaufen sich auf mehr als 3,5 Milliarden Euro. Die Anpassungskosten werden auf knapp unter 120 Millionen Euro geschätzt. Die Kosten für den administrativen Aufwand belaufen sich auf etwas mehr als 210 Millionen Euro. Dazu kommen laut Schätzung Präsentismuskosten mit 960 Millionen Euro und eine entgangene Haushaltsproduktion mit etwas weniger als 1,6 Milliarden Euro. Diese Summe wird so hoch angesetzt, da die Verluste bei der Haushaltsproduktion nicht auf die Jahre der Erwerbstätigkeit beschränkt bleiben.

Quelle: WIFO

Intangible Kosten

Wenig bekannt sind die intangiblen Kosten, also immaterielle Schäden aufgrund des Verlusts an Lebenszeit und Lebensqualität. Um auch diese Kosten als materiellen Wert ausdrücken zu können, bedient sich die WIFO-Studie der sogenannten „Quality Adjusted Life Years“ (QALY). „Die Summe an QALYs, die aufgrund von arbeitsbedingten Unfällen und Erkrankungen verloren gehen, werden mit einem Nutzwertfaktor – umgerechnet 41.000 Euro je QALY – multipliziert. Dieser Wert ergibt sich aus den Investitionen, die erforderlich sind, damit eine Person ein Jahr in guter Gesundheit verbringen kann“, erklärt Mayrhuber. Die intangiblen Kosten betragen mehr als ein Viertel der Gesamtkosten, die durch arbeitsbedingte Erkrankungen und Unfälle verursacht werden. In der Studie wird der Verlust von Lebenszeit und Lebensqualität durch verfrühte Todesfälle und bleibende gesundheitliche Einschränkungen auf rund 2,537 Milliarden Euro geschätzt. Die direkten Kosten machen dagegen mit weniger als zehn Prozent einen vergleichsweise geringen Teil der Gesamtkosten aus. Der weitaus größte Anteil entfällt mit 65 Prozent auf die indirekten Kosten. Die Gesamtkosten beliefen sich im Jahr 2015 auf knapp 9,9 Milliarden Euro, das entspricht fast 2.400 Euro je erwerbstätige Person bzw. 2,9 Prozent des BIP.

Quelle: AUVA

Kosten durch Muskel-Skelett-Erkrankungen

Angesichts dieser hohen Kosten sei die WIFO-Studie eine gute Grundlage, um für Präventionsarbeit zu argumentieren, betont Stefanie Wunderl, MSc, Fachkundiges Organ Ökonomie in der AUVA-Hauptstelle: „Die Kernbotschaft lautet: Der Anteil der indirekten Kosten von arbeitsbedingten Erkrankungen ist deutlich höher als jener der direkten Kosten, viele ‚versteckte‘ Kosten zeigen sich erst längerfristig. Vermindern lassen sie sich durch präventive Maßnahmenpakete, im Fall von Muskel-Skelett-Erkrankungen z. B. durch die Bereitstellung von gewarteten Hebe- und Tragehilfen sowie durch begleitende Schulungen für deren Anwendung.“ Weitere Informationen zu Schutzmaßnahmen gibt es im Rahmen des AUVA-Präventionsschwerpunkts „Packen wir’s an“ (www.auva.at/mse), der an die europäische Kampagne der EU-OSHA „Gesunde Arbeitsplätze – Entlasten Dich!“ anknüpft.

Da die Folgekosten von MSE in der WIFO-Studie nicht extra ausgewiesen werden, berechnete die AUVA Annäherungswerte für Österreich. Die Basis dafür boten Daten des Fehlzeitenreports 2020 und Kostenberechnungen des WIFO zu Folgekosten von arbeitsbedingten Erkrankungen und Unfällen. „21,3 Prozent der Krankenstandsfälle sind auf MSE zurückzuführen. Dieser Anteil liegt über Jahre hinweg stabil bei um die 20 Prozent. Auch bei der durchschnittlichen Dauer eines Krankenstands von 15,5 Tagen zeigen sich kaum Veränderungen“, erklärt Wunderl. Von einer Gesamtkostenlast von 9,9 Milliarden Euro für arbeitsbedingte Erkrankungen und Unfälle fallen laut den Berechnungen 16 Prozent allein für Muskel-Skelett-Erkrankungen an. Die aus dem vorhandenen Datenmaterial des WIFO hergeleitete Kostenschätzung der AUVA für MSE zeigt für Betriebe in ganz Österreich eine Kostenlast von zirka 272 Millionen Euro allein für die jährlich gemeldeten Krankenstandstage aufgrund von MSE. Die Kosten für das Sozialsystem enthalten Behandlungskosten, Verwaltungskosten sowie Transferzahlungen und werden auf 350 Millionen Euro geschätzt.

Quelle: WIFO

Prävention lohnt sich

Die größte Kostenlast tragen jedoch die von MSE betroffenen Erwerbstätigen selbst mit Eigenleistungen und Einkommensverlusten von etwa 430 Millionen Euro. Berücksichtigt man zusätzlich die Verluste von Lebensqualität und Lebensjahren aufgrund von arbeitsbedingten MSE auf Lebenszeit in der Höhe von etwa 530 Millionen Euro, ergibt das eine auf lange Frist aufgerechnete Kostenlast von rund 980 Millionen Euro. „Es werden nicht alle Kosten vom Sozialsystem oder von der Arbeitgeberin bzw. vom Arbeitgeber abgefedert. Oft zahlt die bzw. der Erkrankte einen Teil der Behandlungen selbst, hat intangible Kosten aufgrund von Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Das bedeutet einen Verlust an Geld und Lebensqualität“, so Wunderl. Führt man sich diese hohen – auch immateriellen – Kosten vor Augen, wird die Notwendigkeit von Prävention noch deutlicher. Dass diese wirkt, zeigt sich laut Wunderl an einer erfreulichen Entwicklung, die ebenfalls aus dem gesammelten Datenmaterial hervorgeht: „Überraschend war für mich, wie hoch der Kostenanteil arbeitsbedingter Erkrankungen ist, aber es freut mich, dass wir anhand der sinkenden Unfallrate in Österreich erkennen können, dass die Präventionsarbeit sich lohnt und Erfolg hat.“ Bei arbeitsbedingten Erkrankungen sei noch viel Verbesserungspotenzial vorhanden, das die Unternehmen sowohl aus Kostengründen als auch zur Steigerung der Lebensqualität ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzen sollten.

Quelle: WIFO

Zusammenfassung

Das WIFO hat in einer Studie die Kosten arbeitsbedingter Erkrankungen und Unfälle berechnet. Neben den direkten Kosten, z. B. für Behandlungsleistungen und Pflege, wurden auch die indirekten Kosten, die sich aus Produktions- und Wertschöpfungsverlusten ergeben, berücksichtigt. Diese machen den größten Teil der Gesamtkosten aus. Anhand von Schätzungen bezog das WIFO auch intangible Kosten in Form von verlorenen oder in schlechter Gesundheit verbrachten Lebensjahren ein. Die hohen Gesamtkosten von rund 2.400 Euro je erwerbstätige Person zeigen den hohen Stellenwert von Prävention auf.