Chemie

Sauerstoff: Ein Element mit vielen Facetten

Sauerstoff ist ein chemisches Element mit vielen Facetten: Für Mensch und Tier ist er in der „richtigen“ Konzentration lebensnotwendig, in zu hoher Konzentration toxisch. Beim Brand- und Explosionsgeschehen kommt dem Sauerstoff eine zentrale Rolle zu.
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Sauerstoff bildet mit einem Anteil von 20,9 Volums prozent einen wesentlichen Anteil der atembaren Luft. Das Vorhandensein von Sauerstoff in atembarer Luft wird als selbstverständlich empfunden – das ist es im technischen Umfeld aber keineswegs. Durch mehr oder weniger langsame Reaktionen von biologischen und chemischen Stoffen kann es sowohl zu – meistens lokal bestehenden – Verbrauchs- als auch zu Anreicherungsbereichen kommen, die für Menschen kritische Bedingungen erreichen können. Im Brandschutz wird z. B. durch die Absenkung des Sauerstoffgehalts von normalerweise 20,9 Vol.-% auf  11–15 Vol.-% eine Brandentstehung weitgehend bis vollständig verhindert. Diese Absenkung des Sauerstoffgehalts der Umgebungsluft wird sehr oft bei Lagerbereichen angewendet. Damit ist die Luft jedoch als Atemluft für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ungeeignet und gefährlich. Gesetzlich ist ein Wert von mindestens 17 Vol.-% Sauerstoff vorgesehen. Ab einem Wert von 14 Vol.-% Sauerstoff tritt bei den meisten gesunden Menschen ein lebensbedrohlicher Sauerstoffmangel ein. Wesentlich sicherheitstechnisch relevant ist, dass weder Tiere noch Menschen eine Sensorik für lebensgefährliche Sauerstoffbereiche besitzen, womit bei jedem Einsatz das Vorhandensein des scheinbar allgegenwärtigen Sauerstoffs als lebenswichtiger Arbeitsstoff stets zu hinterfragen und zu berücksichtigen ist.

Sauerstoff hat auch keine physiologischen Wirkungen, die den Menschen auf eine Sauerstoffanreicherung aufmerksam machen könnten. Höhere Sauerstoffkonzentrationen in der Luft verursachen bei atmosphärischem Druck keine signifikante Gesundheitsgefahr. Das Einatmen von reinem Sauerstoff kann jedoch toxisch sein, da es biochemische Oxidationsvorgänge auslösen kann!

Physikalische Eigenschaften  

Sauerstoff ist bei Normalbedingungen ein farbloses, geruchloses und wenig wasserlösliches Gas. Bei –183 °C und Normaldruck kondensiert Sauerstoff zu einer blauen Flüssigkeit, bei –219 °C kristallisiert er zu einem blauen Feststoff. Somit kann Sauerstoff in allen drei Aggregatzuständen vorkommen. Sauerstoff kommt sowohl in verdichteter Form in Druckgasbehältern als auch tiefkalt verflüssigt in den Handel.

Sauerstoff ist eines der häufigsten und am weitesten verbreiteten Elemente auf der Erde. Fast jedes Lebewesen und sogar manche Pflanzen sind existenziell darauf angewiesen. Sie entnehmen ihn meistens durch Atmung aus der Luft oder in gelöster Form aus dem Wasser. In hohen Konzentrationen ist er für die meisten Lebewesen jedoch giftig. Sauerstoff (lateinisch Oxygenium genannt, abgeleitet vom griechischen Ausdruck oxys „scharf, spitz, sauer“ und gen „erzeugen, gebären“, zusammen sinngemäß „ich erzeuge Säure“) ist ein chemisches Element mit dem Symbol O und der Ordnungszahl 8 im Periodensystem der Elemente. 

Atomarer Sauerstoff, das heißt Sauerstoff in Form freier, einzelner Sauerstoffatome, kommt stabil grundsätzlich nur unter extremen Bedingungen vor, beispielsweise im Vakuum des Weltalls oder in heißen Sternatmosphären. Er hat jedoch eine wesentliche Bedeutung als reaktives Zwischenprodukt in vielen Reaktionen der Atmosphärenchemie. Elementar tritt Sauerstoff überwiegend in Form eines kovalenten Homodimers auf, also einer Verbindung aus zwei Sauerstoff-Atomen mit der Summenformel O2, bezeichnet als molekularer Sauerstoff. Die metastabile, energiereiche und reaktive allotrope Form aus drei Sauerstoffatomen (O3) wird dann Ozon genannt.

Umgebungsbedingungen und Beeinflussung von (sicherheits-)technischen Daten 

Reiner Sauerstoff ist geringfügig schwerer als Luft, was beim Einsatz in verflüssigter Form vor allem im medizinischen Bereich, aber auch bei Ab- und Umfüllvorgängen berücksichtigt werden muss. Aus demselben Grund kann sich Sauerstoff in tiefliegenden Bereichen wie Gruben, Gräben oder unterirdischen Räumen ansammeln!

Sauerstoff ist an vielen Verbrennungs- und Korrosionsvorgängen beteiligt. Er selbst ist nicht brennbar, er ist auch nicht explosiv im Sinne einer Sprengexplosion und als Element per se explodiert er auch nicht, wie fälschlicherweise öfters zu lesen ist! Er ermöglicht und fördert aber die Verbrennung, die chemisch gesehen einen Oxidationsvorgang, also eine Verbindung mit Sauerstoff, darstellt. Schon eine geringe Anreicherung in der Luft bewirkt nicht nur eine beträchtliche Steigerung der Verbrennungsgeschwindigkeit, sondern auch eine Steigerung der Verbrennungstemperatur sowie eine Senkung von Flammpunkt und Zündtemperatur.

Die REACH-Verordnung (1907/2006/EG) gilt auch für Sauerstoff. Es gelten aber gemäß Artikel 2 Absatz 7 Buchstabe b nicht alle Titel. Sauerstoff gehört zu den im Anhang V Nr. 3 angeführten Elementen, bei denen gefährliche Eigenschaften und Risiken bereits wohlbekannt sind. Damit ist der Sauerstoff von der Anwendung der Titel II (Registrierung von Stoffen), V (Nachgeschaltete Anwender) und VI (Bewertung) befreit, da eine Registrierung als unzweckmäßig oder unnötig erachtet wird und die Ausnahme von diesen Titeln die Ziele der REACH-Verordnung nicht beeinträchtigt. Betreffend Einstufung und Kennzeichnung gemäß CLP-VO (in der EU direkt wirkende und anzuwendende Verordnung) sind die Piktogramme GHS03 und GHS04 vorgeschrieben sowie das Signalwort Gefahr. Die Hazard-Statements – H-Sätze H270, H280 (verdichtet) oder für die verflüssigte Form H281 (tiefgekühlt, verflüssigt) – beschreiben und warnen vor der massiven Oxidationskraft. Nach CLP-Verordnung werden Gemische aus Sauerstoff und Inertgasen mit einem Oxidationsvermögen von mehr als 23,5 % als oxidierend eingestuft.

Im Gefahrgutrecht sind sowohl die gasförmig verdichtete Variante als auch die tiefkalt verflüssigte Form der Gefahrgutklasse 2 angehörig. Im ersten Fall ist die UN-Nummer UN 1072 vergeben, bei der verflüssigten Form UN 1073. Bei beiden werden zur Kennzeichnung die Gefahrzettel Nummer 2.2 und 5.1 gemeinsam angewendet.

Einsatz und Risiken

Sauerstoff wird vielfältig für Verbrennungsprozesse und als Oxidationsmittel verwendet. In chemischen Prozessen wird Sauerstoff z. B. für die Erzeugung von Schwefel- und Salpetersäure, Ethylenoxid, Acetylen und Essigsäure verwendet. Wichtig ist auch die industrielle Verwendung in der Metallurgie, beim Autogenschweißen, beim Schmelzen in der Glasindustrie, bei der Aufbereitung (Einsatz in Reinigung bzw. Hygiene) von Trink- und Abwasser und für die Ozonerzeugung. Daneben wird Sauerstoff auch als Atemgas (in dosierter Form) in der Medizin und vielfältig in chemischen und biotechnologischen Laboratorien eingesetzt. Bei gasförmigem Sauerstoff in Druckgeräten wie z. B. Druckgasflaschen, Druckgasbündeln oder Kartuschen ist neben den chemischen Eigenschaften natürlich der vorherrschende Druck zu berücksichtigen und die Funktion der Armaturen und Ventile bei Entnahme muss gewährleistet werden. 

Für den Betrieb von Anlagen oder Anlagenteilen zum Gewinnen, Verdichten, Fortleiten oder Lagern von Sauerstoff, gewissermaßen als Nebenprodukt bei der Luftverflüssigung, gelten weitergehende technische Vorschriften, auf die als jeweiliger Spezialfall hier generell nicht eingegangen wird. Bei erhöhtem Sauerstoffgehalt der Luft kann sich z. B. aus einem Glimmbrand eine echte Flamme entwickeln. Sauerstoff kann eine Selbstentzündung von Öl, Fett und von Textilien, vor allem wenn diese noch dazu mit Öl und Fett verunreinigt sind, bewirken.

Mit Ausnahme der Edelmetalle und der Metalloxide der höchsten Oxidationsstufe sind alle Stoffe in Sauerstoff, vor allem in verdichtetem Sauerstoff, brennbar. Das trifft auch auf Stoffe zu, die in atmosphärischer Luft nicht zur Entzündung gebracht werden können. Sauerstoff geht mit fast allen Elementen Verbindungen ein. Die meisten Stoffe reagieren mit Sauerstoff so heftig, dass sie entweder nach der Zündung verbrennen oder sich sogar selbst entzünden. Die Reaktionen können stark durch Fremdsubstanzen beeinflusst werden, die als Katalysator oder als Inhibitor wirken.

Für die Auswirkung einer Verbrennungsreaktion, somit einer chemischer Verbindung mit Sauerstoff, also Oxidationsreaktion, spielt die Geschwindigkeit eine ganz wesentliche Rolle: Während z. B. beim Rosten von Eisenteilen die Umsetzung mit Sauerstoff stetig, jedoch sehr langsam vor sich geht, laufen Verbrennungsvorgänge von Feststoffen und Flüssigkeiten deutlich schneller ab. Hier spielt auch die Oberfläche des Brennstoffes und somit die mögliche Reaktionsfläche mit Sauerstoff eine wesentliche Rolle!

Bei Explosionen, welche eine thermische, schlagartige Umsetzung aller beteiligten Moleküle in einer explosionsfähigen Atmosphäre bedeuten, müssen die Reaktionspartner (Brennstoff als Dampfmolekül oder Staubteilchen und Sauerstoffmoleküle) im richtigen Mischungsverhältnis vorliegen. Durch Zuführung einer Mindestmenge an Aktivierungsenergie, also einer wirksamen Zündquelle, kommt es dann nicht nur zur sehr raschen Umsetzung, sondern auch zum Entstehen einer gefährlichen Druckwelle. Diese kostet zumeist mehr Personen ursächlich das Leben als die nachfolgende Flammenfront beim Explosionsablauf. Verläuft diese Deflagration (Sauerstoffumsetzung unter Normalbedingungen) mit Überschallgeschwindigkeit, spricht man von einer Detonation, da die Druckausbreitungsgeschwindigkeit die Schallgeschwindigkeit übersteigt und dies durch einen Überschallknall hörbar ist. Je höher die Sauerstoffkonzentration und der Druck in der (Reaktions-)Atmosphäre oder in einem Sauerstoffsystem sind, umso:

a) heftiger verläuft die Verbrennungs- bzw. Oxidationsreaktion bzw. umso heftiger ist die Feuererscheinung,

b) niedriger sind die zum Starten der Verbrennungsreaktion erforderliche Zündtemperatur und Mindestzündenergie, 

c) geringer ist die Aktivierungsenergie des umzusetzenden Systems,

d) höher sind die Flammentemperatur und damit die Zerstörungsfähigkeit der Flamme.

Die Ursachen von Bränden mit Sauerstoff können wie folgt klassifiziert werden:

a) Sauerstoffanreicherung in der Atmosphäre

b) falsche Anwendung von Sauerstoff

c) falsche Betriebsweise und Wartung von Sauerstoffsystemen

d) Benutzung von Materialien, die für den (langfristigen) Kontakt mit (konzentriertem) Sauerstoff nicht geeignet sind

Einfluss des Sauerstoffgehalts auf sicherheitstechnische Kenngrößen

Bei erhöhten Sauerstoffkonzentrationen können sich auch sicherheitstechnische Kenndaten nachteilig verändern. Es ist stets zu berücksichtigen, dass in einschlägigen Tabellen- und technischen Nachschlagewerken sicherheitstechnische Kenngrößen zumeist stets für Normaldruck und normale Luftzusammensetzung angegeben sind.

Beispiele für die Abhängigkeit der konkreten Kennwerte vom Sauerstoffgehalt und den Umgebungsbedingungen sind die Explosionsgrenzen (untere Explosionsgrenze (UEG/UZG) und obere Explosionsgrenze (OEG/OZG)), weiters auch die Beeinflussung der Staubexplosionsklassen, Veränderung der Druckanstiegsgeschwindigkeiten, Zünd- und Glimmtemperaturen, der Explosionsdrücke und Flammentemperaturen. Im Zuge einer Explosion kann es in der Folge zu einem Brandgeschehen kommen, jedoch kann auch oft auch das umgekehrte Geschehen eintreten: Viele Primärbrände lösen sekundär eine Explosion aus! Bei einem Abbrand am systemischen Rande eines Dampf-Luft-Gemisches, welches sich über der oberen Explosionsgrenze befindet, kann durch Temperatur, Strömung und Thermik eine explosionsfähige Atmosphäre entstehen: Das ist der Fall, wenn die Konzentration dieses stofflich übersättigten Bereiches unter die obere Explosionsgrenze sinkt. Infolge des vorgelagerten Brandgeschehens kann diese als sicher wirksame Zündquelle eine Explosion auslösen.   

Gesundheitsgefährdung

Das Einatmen von reinem Sauerstoff über einen längeren Zeitraum kann zu Gesundheitsschäden führen. Der Hautkontakt mit flüssigem Sauerstoff, außer wenn er nur sehr kurzfristig ist, kann Erfrierungen hervorrufen. Höhere Konzentrationen können die Atemwege reizen. Auch vorübergehende Beschwerden wie Atembeschwerden können auftreten.

In höheren Konzentrationen kann dieser lebenswichtige Bestandteil der Luft toxisch wirken. Vergiftungen ereignen sich, wenn überhaupt, vor allem bei der therapeutischen Verwendung. Für Erwachsene werden Sauerstoff-Konzentrationen unterhalb von 50–60 Vol.-% bei Normaldruck, auch bei lang andauernder Einwirkung, jedoch als unbedenklich angesehen. 100 Vol.-% Sauerstoff bei einem (Über-)Druck von 0,5 bar (50 kPa) bleiben ohne toxische Wirkung, dagegen führt das Einatmen von reinem Sauerstoff bei Drücken über 3 bar (300 kPa) schon innerhalb kurzer Zeit zu Vergiftungserscheinungen über das Zentralnervensystem wie Schwindel, Brechreiz, Übererregbarkeit, Seh-, Hör- und Gleichgewichtsstörungen, Krämpfen, Bewusstlosigkeit bis hin zum Tod. Bei längerem Einatmen von reinem Sauerstoff unter Normaldruck können Lungenschädigungen sowie Funktionsstörungen endokriner Drüsen und des vegetativen Nervensystems auftreten. Die lungenschädigende Wirkung tritt bei langzeitiger Exposition mit reinem oder hochprozentigem Sauerstoff in den Vordergrund und kann bis zum toxischen Lungenödem führen. Etwaige leichte Atembeschwerden nach akuter Einatmung hoher Sauerstoffkonzentrationen verschwinden meist beim Aufenthalt in der frischen Luft.

Flüssiger Sauerstoff kann schwere Erfrierungen verursachen. Diese werden, insbesondere wenn es nur ein kleines Areal betrifft, nicht sofort bemerkt, da die Kälte das Schmerzempfinden betäubt. Nachdem die Stelle jedoch wieder aufgewärmt ist, treten starke Schmerzen auf. Deshalb gilt äußerste Sorgfaltspflicht beim Umgang mit tiefkalten Gasen insbesondere für den verflüssigten Sauerstoff!

Ungewollte Sauerstoffanreicherung und gefährliche sowie spezielle Reaktions- und Einsatzbedingungen

Eine unter Umständen gefährliche Sauerstoffanreicherung in der Atmosphäre bzw. auch Anreicherung vor bzw. beim Brandgeschehen und beim Entstehen einer explosionsgefährlichen Atmosphäre ist möglich bei:

  1. Undichtigkeiten an Entnahmeeinrichtungen und/oder Anlagenteilen: Besonders in ungenügend gelüfteten Bereichen kann die Sauerstoffkonzentration gefährlich ansteigen.
  2. Anwendung von Sauerstoff bei Schweiß- und Schneid-Verfahren: Der nicht verbrauchte Sauerstoff bleibt in der Atmosphäre und kann sich bei unzureichender Lüftung in der Luft anreichern. Nur eine wirksame Lüftung schafft hier effizient Abhilfe.
  3. Anwendung von Sauerstoff bei metallurgischen Prozessen: Bei unsachgemäßem Betrieb von Gebläsebrennern verbleibt ein höherer Sauerstoffgehalt.
  4. Desorption infolge von Druck- und/oder Temperaturanstieg aus verschiedenen sauerstoffbindenden Substraten
  5. Auslaufen von tiefkalter Flüssigkeit
  6. Freisetzung aus chemischen Verbindungen wie Peroxiden infolge eines Reaktions- und Zersetzungsgeschehens von Chemikalien

Um den Sauerstoff als notwendigen Reaktionspartner für eine Explosion von Gas-, Dampf-Luft- bzw. Staub-Luft-Gemischen zu eliminieren bzw. zu reduzieren und damit primären, also technisch vorrangigen Explosionsschutz zu betreiben, gibt es die Möglichkeit der Inertisierung. Jedoch Vorsicht! Wenn der brennbare Stoff selbst Sauerstoff in größeren Mengen intrinsisch gebunden hat, sei es physikalisch adsorbiert oder chemisch in der Verbindung selbst gebunden, muss diese Methode im Einzelfall auf ihre Anwendbarkeit genau geprüft werden. Die Inertisierung von Bereichen bezeichnet den Vorgang, durch Zugabe von inerten Gasen den Luftsauerstoff oder reaktions- bzw. explosionsfähige Gase oder Gasgemische aus diesen zu verdrängen. 

  • Bei der Inertisierung zum Brand- und Explosionsschutz wird der Luftsauerstoff durch Zugabe von Inertgas (beispielsweise Argon, Stickstoff, Kohlendioxid) ersetzt, verdrängt oder zumindest so weit reduziert, dass das Auftreten einer explosionsgefährdenden Atmosphäre vermieden wird. Beim Brandschutz nennt man das auch aktive Brandvermeidung durch Permanent-Inertisierung.
  • Durch Reduktion des Luftsauerstoffgehalts wird der Reifungsprozess z. B. von Früchten im Weinbau etc. verlangsamt. Diese Technik wird auch beim Transport heikler, sauerstoffempfindlicher Kunstobjekte wie z. B. Gemälde verwendet.
  • Inertisierung kann während der Produktion zu einer Qualitätsverbesserung von Produkten führen, deswegen wird in verschiedenen Verarbeitungsprozessen, etwa auch zur Korrosionsvermeidung, Sauerstoff ausgeschlossen.

Während es bei den meisten Inertisierungsprozessen nur darum geht, langsam ablaufende Oxidationsreaktionen zu vermeiden und/oder zu verzögern, darf bei den rasch und gefährlich ablaufenden Brand- und Explosionsvorgängen gar kein oder nur ein unkritischer Sauerstoffanteil im entsprechenden Volumen bzw. Bereich vorhanden sein. Eine wichtige diesbezügliche Kenngröße ist die Sauerstoff-Grenz-Konzentration (SGK). Dadurch ergibt sich ein beträchtlicher Steuer-, Mess- und Regelaufwand, da ja durch Inertisierung zumeist eine künstliche Atmosphäre geschaffen wird, die es

  • aufrechtzuerhalten gilt, aber, und dies ist zumeist  diffiziler,
  • erst einzustellen bzw. nach Reaktionsende definiert wieder aufzuheben gilt.

Vor allem in letzterem Fall wird dabei in Bezug auf die  Mischung der Reaktionspartner bei explosionsfähigen Atmosphären ein verfahrenstechnisch kritischer Bereich durchfahren, der genau überwacht und im Betrieb einer Anlage dauerhaft technisch aufrechterhalten werden muss. Insbesondere bei Störungen, die momentan eine kritische Sauerstoffkonzentration entstehen lassen können (z. B. Leckagen, momentaner Ausfall der Energieversorgung, Energieüberschuss, der nicht abgeführt werden kann, etc.), müssen in der Praxis präventive Maßnahmen gesetzt werden. In der Praxis kann der Reaktionspartner Sauerstoff bei der Entstehung bzw. in einer explosionsfähigen Atmosphäre durch innere molekulare Reibungsvorgänge, die z. B. Wärme liefern, bei unsachgemäßer Handhabung und/oder Anlagendesign auch gleich als wirksame Zündquelle fungieren. Dies ist z. B. in folgenden Fällen der Fall:

  1. extrem hohe Strömungsgeschwindigkeiten des Sauerstoffs
  2. Druckstöße z. B. gegen Sperrschieber in Leitungen
  3. Schnelles Öffnen von Ventilen: Das kann zu Entzündungen infolge der Wärme führen, die durch mit hoher Geschwindigkeit strömendes Gas oder durch adiabatische Verdichtung erzeugt wird. Das schnelle Öffnen von Ventilen kann zu kurzzeitig hohen Geschwindigkeiten des Sauerstoffs führen, die ausreichen, ein im System vorhandenes (Schmutz-)Teil mit unter Umständen Schallgeschwindigkeit zu bewegen, wobei Reibungswärme, Funken etc. erzeugt werden.
  4. Im Fall eines Druckminderers, der an eine Sauerstoffflasche angeschlossen ist, kann durch die Verdichtung des Sauerstoffs große Wärme erzeugt werden.
  5. Auch das schnelle Öffnen eines Ventils gegen ein stromabwärts liegendes geschlossenes Ventil kann zu einer ähnlichen Situation führen wie in den zuvor genannten Fällen.

Die genannten Erscheinungen können neben Explosionen auch einen Brand verursachen. Weiters führt das plötzliche Entspannen (Druckminderung) von Sauerstoff in engen Räumen zu hohen Strömungsgeschwindigkeiten. Nicht vernachlässigen sollte man aufgrund der Reaktionsfreudigkeit von Sauerstoff auch Verunreinigungen. Diese können bei der Reaktion mit Sauerstoff Reaktionswärme bilden, die ihrerseits wiederum als wirksame Zündquelle dienen kann.

Sauerstoffgrenzkonzentration (SGK) als sicherheitstechnische Kenngröße

Die Sauerstoffgrenzkonzentration ist die maximale Sauerstoffkonzentration in einem Gemisch aus brennbaren Gasen, Dämpfen, Nebeln oder Stäuben mit Luft und inertem Gas, in dem keine Explosion auftritt. Somit mag es für viele überraschend klingen: Eine völlige (totale) Inertisierung ist gar nicht notwendig, um den Aufbau einer explosionsgefährlichen Atmosphäre, d. h. Reaktionspartner in bestimmter kritischer Mischung, zu verhindern! Die Sauerstoffgrenzkonzentration ist sowohl von der Art des Brennstoffs als auch vom verwendeten Inertgas und den physikalischen Bedingungen wie Druck und Temperatur abhängig. Beim Einsatz von Kohlendioxid als Inertgas werden für die Sauerstoffgrenzkonzen tration höhere Werte gemessen als beim Einsatz von Stickstoff. Da viele Leichtmetallstäube mit Kohlendioxid und zum Teil auch mit Stickstoff reagieren können, müssen in diesen Sonderfällen Edelgase als Inertgas verwendet werden. Die Bestimmung der Sauerstoffgrenzkonzentration erfolgt experimentell, es gibt jedoch ausreichend Literatur zur Orientierung. Durch Abzug eines Sicherheitsbetrages von der naturwissenschaftlich ermittelten Sauerstoffgrenzkonzentration wird dann die technisch maximal zulässige und praktizierbare Sauerstoffkonzentration ermittelt. Dieser Sicherheitsbetrag berücksichtigt damit auch Schwankungen der Sauerstoffkonzentration in einer Anlage. Bei der messtechnischen Überwachung der Sauerstoffkonzentration während eines Prozesses darf der Messwert die maximal zulässige Sauerstoffkonzentration zu keiner Zeit überschreiten. Besondere Aufmerksamkeit (nein, Maßnahmen müssen sein, nur aufmerksam zu schauen ist zu wenig) erfordert das Einstellen bzw. Aufheben dieser Spezialbedingungen unter besonderer Berücksichtigung der möglicherweise auftretenden Drücke.

Beispiele für Sauerstoffgrenzkonzentrationen (SGK) einzelner Gase, Dämpfe, Nebel und Stäube sind in der TRGS 722, Tabelle 1 (vormals TRBS 2152, Teil 2) angegeben.

LITERATUR:

  • DGUV-Information 213-073 Sauerstoff (Merkblatt M 034 der Reihe „Gefahrstoffe“)
  • EIGA und IGV / Brandgefahren durch Sauerstoff und sauerstoffangereicherte Atmosphäre / IGC Doc. 04 / 00 / D
  • Datenbank GIS-Chem-Infoblatt Sauerstoff (CAS-Nr.: 7782-44-7)
  • Grundlagen zum Explosionsschutz, BG – RCI
  • SDB zu Sauerstoff gasförmig und tiefkalt flüssig (z. B. Fa. Linde et alii)
  • TRGS 722-Tabelle 1 für Dämpfe brennbarer Flüssigkeiten und Tabelle 3 für Stäube (vormals TRBS 2152 Teil 2)

Zusammenfassung

Der Autor analysiert aus der Sicht des Chemikers die möglichen Gefahren, die von Sauerstoff bei der Verwendung in Gewerbe und Industrie ausgehen können.