Ergonomie

Eine Erfolgs-Geschichte

Wie die eigene Wohnung (= home), aber auch alle anderen Orte zu einem ergonomischen Büro (= office) werden können, in dem man auch bei teils ungünstigen Voraussetzungen ergonomisch, sicher und gesund arbeiten kann, erzählt folgende (fiktive – aber wünschenswerte) Geschichte von Lisa und Paul. Die beiden meistern diese Herausforderung vielleicht manchmal unkonventionell und kreativ, aber wirkungsvoll.
J. Eder

Lisa arbeitet seit vielen Jahren im selben großen Unternehmen und ist auch immer wieder im Außendienst tätig. Sie hat einen typischen Bürojob und ist glücklich damit. Sie genießt trotz Vollzeitanstellung auch die Freizeit mit Lebenspartner Paul und den gemeinsamen zwei Kindern, einem aufgeweckten Burschen und einem selbstbewussten Mädchen. 

Vor ein paar Jahren ist das Unternehmen in einen Neubau übersiedelt. Das Büro, das sie sich mit einer Kollegin teilte, wurde von heute auf morgen durch einen variabler Arbeitsplatz in einem Großraumbüro ersetzt, der jeweils gebucht werden muss. Auch die wirklich ansprechende und moderne Ausstattung des neuen Büros konnte über die unangenehme und kaum zu verbessernde Situation leider nicht hinwegtäuschen. 

Was helfen schon ein höhenverstellbarer Tisch, ein teurer Bürodrehstuhl, die neueste Beleuchtungsanlage, selbst eigene Zonen für konzentriertes Arbeiten oder Besprechungen, wenn man ständig unter Beobachtung steht, sich nicht konzentrieren kann (rundum telefonieren, klappern und rumoren Kolleginnen und Kollegen, die auch nur versuchen, ihre Arbeit zu machen), nichts sonst individuell seinen Bedürfnissen entsprechend adaptieren (Klima, Farbgestaltung, persönliche Gegenstände, Platz …) kann? 

Spielraum muss man nutzen

Aber Lisa hat einen direkten Vorgesetzten, der für die Anliegen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr viel Verständnis hat. Er hatte vor vielen Jahren einen Sportunfall und hat auf der anschließenden Rehabilitation viel über sich und seinen Körper, aber auch über Ergonomie gelernt. Da ihm sein Rücken dennoch immer wieder Schmerzen bereitet, hat er zusätzlich nach einer Sportart bzw. einer Bewegungslehre gesucht, die ihm bei seinen speziellen Beschwerden Linderung verschafft. Ausprobiert hat er so ziemlich alles, was der Markt zu bieten hat. Jetzt hat er seine Übungen bzw. Bewegungen gefunden, mit denen er schmerzfrei durch den Alltag kommt. 

Diese wertvolle persönliche Erfahrung hat ihn sehr geprägt. Er weiß, dass er als Vorgesetzter alles daransetzen muss, um für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ideale Verhältnisse zu schaffen. Das Großraumbüro – eine Konzernvorgabe – konnte er nicht verhindern, aber er kann gemeinsam mit seinen Präventivfachkräften für ideale Ausstattung sorgen. Auch hat er das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz auf seiner Seite, das er auch gegenüber der Konzernleitung einzusetzen weiß. Unterstützt wird er dabei von den Präventivfachkräften, die mit Kreativität und Engagement dabei helfen, immer wieder Lösungen zu finden.

Auch wenn die hier angegebenen Maße für Erwachsene ausgewiesen sind, sind auch für Kinder die rot eingezeichneten Winkel von Bedeutung. Richard Reichhart

So wurde gleichzeitig mit dem Großraumbüro auch die Möglichkeit für Homeoffice geschaffen und gemeinsam mit den hauseigenen Juristen vertraglich umgesetzt. Es gibt wenig offizielle Regelungen für Homeoffice, sodass man individuelle Regelungen nicht nur schaffen kann, sondern muss. Gleich zu Beginn wurden auch Lisa und ihre Kolleginnen und Kollegen in die Gestaltung der Homeoffice-Verträge miteinbezogen. Lisa hat auch mit Paul darüber gesprochen. Gemeinsam haben sie überlegt, wie das wohl mit den Kindern und ihrem Alltag am besten klappen könnte.

Die Ergonomin stellt den Bürodrehstuhl gemeinsam mit Lisa auf ihre Höhe ein. Hier zeigt sich auch, wie wichtig es ist, das vor Ort zu machen, denn diese Position kann man nicht mit der Kamera eines Laptops in einer Videokonferenz einnehmen, schon gar nich J. Eder

Ergonomisches Wissen notwendig

Paul war zunächst etwas ablehnend, denn er konnte sich nicht so recht vorstellen, wie sie das umsetzen könnten. Auch hatte er viele offene Fragen und keinen Plan, wen er dazu befragen könnte. Sein direkter Vorgesetzter ist sehr konzentriert auf Produktivität und klammert alle anderen Themen aus. Zwar hat auch Paul einen reinen Bürojob und der Leistungsdruck ist auch in seinem Job sehr hoch, aber der Umgang damit unterscheidet sich sehr von dem an Lisas Arbeitsplatz. Doch die beiden tauschen sich darüber aus, wie sie die Work-Life-Balance gut bewältigen können, und lernen voneinander. Was Ergonomie ist, also die Passung zwischen Arbeit und dem Menschen, hat Paul erstmals von seiner Partnerin erfahren. Lisa bekommt sehr viel Unterstützung von den hauseigenen Präventivfachkräften und weiß zu schätzen, dass sie regelmäßig mit neuen Informationen versorgt wird. Auch bei der Einrichtung des Homeoffice-Arbeitsplatzes hat Lisa die Unterstützung einer Ergonomin in Anspruch genommen. So ist es bei ihr im Homeoffice-Vertrag auch geregelt. Sie musste niemanden in die Wohnung lassen, aber sie wollte dieses Angebot gerne annehmen (Verschwiegenheit ist für beide Seiten selbstverständlich, jedoch auch sicherheitshalber vertraglich geregelt). Ihr Vorgesetzter hatte die Etablierung einer Fachkraft für Ergonomie schon lange geplant, aber mit den Homeoffice-Verträgen wurde dies dann endlich umgesetzt. Wie sonst sollte er es schaffen, allen seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die nötigen ergonomischen Informationen gemäß ArbeitnehmerInnenschutzgesetz näherzubringen? Im Büro kann man leicht Begehungen machen und mit den Leuten sprechen, sie unterstützen und ihnen helfen … Aber wenn sie daheim arbeiten oder auf Dienstreise sind, müssen sie sich selbst helfen können. Also muss das entsprechende Wissen zu den Leuten – Unterweisung und Information sind die entscheidenden Stichworte dazu – und zwar jetzt erst recht! Auch stellt im Büro ja die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber die nötige Büroausstattung zur Verfügung und sorgt daher für eine ergonomische Arbeitsumgebung. Von Konzernseite wurde es abgelehnt, die Büromöbel für das Homeoffice zur Verfügung zu stellen, sie stellen nur die digitale Ausrüstung bereit. Diese ist auch ergonomisch, und der Bildschirmarbeitsverordnung folgend, bekommt jede/r Mitarbeiter/in eine externe Tastatur und einen externen Monitor (oder mehrere, wenn es die Tätigkeit erfordert) zu seinem Laptop, sowie einen gesicherten Internetzugang bezahlt. Würde der Arbeitgeber auch Tische und Stühle zur Verfügung stellen, müssten diese jedenfalls auch ergonomisch gestaltet sein – so aber liegt es in der Verantwortung der Mitarbeiter selbst. Sie benötigen also das Wissen, wie sie sich selbst ergonomisch günstige und somit auch gesunde, sichere Bedingungen schaffen können. Darüber hinaus ist es wichtig – vor allem Lisas umsichtigem Vorgesetzten –, dass Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen, aber auch zu Vorgesetzten, zum Betriebsrat, zu Präventivfachkräften und auch Klatsch und Tratsch (also zu informellen, aber durchaus wichtigen Informationen) nicht abreißen. Also sieht der Homeoffice-Vertrag, der eigentlich ganz offiziell Telearbeitsvertrag heißt, nur alternierende Telearbeit (= nur an manchen Tagen, also keine durchgehende, dauernde Telearbeit) vor. Somit hieß das für Lisa, sich mit Paul auf Tage zu einigen, an denen SIE zu Hause arbeitet und welche, an denen ER zu Hause arbeitet. Die beiden haben zwar eine nette Wohnung mitten in der Stadt mit einem kleinen Balkon, und auch jedes Kind hat ein eigenes Kinderzimmer, aber einen eigenen Raum für ein Büro gibt es leider nicht. 

Wer daheim oder auf Dienstreise arbeitet, muss sich selbst helfen können. Das kann man nur mit dem nötigen Wissen! Also muss das Wissen zu den Leuten – und zwar jetzt erst recht!

Brigitte-Cornelia Eder

Eine Ergonomin muss her!

Diese Problematik des fehlenden Büroraums war mit ein Grund, warum Lisa sich Hilfe geholt hat. Wie sollte sie den richtigen Platz in der Wohnung für ihre Büroarbeit finden? Auch einige andere Fragen stellten sich und obwohl sie das Merkblatt M 026 „Bildschirmarbeitsplätze“ der AUVA, die AK-Broschüre über Bildschirmarbeitsplätze und das Merkblatt M.plus 022 „Telearbeitsplätze“ der AUVA studiert und Recherchen im Internet durchgeführt hat, blieb vieles offen.  Die Ergonomin musste her! Um das Optimum an Informationen herauszuholen, rief Paul auch beim Arbeitsinspektorat an. Seine Sicherheitsfachkraft war schwer zu erreichen, sein Arbeitsmediziner nie gleichzeitig mit ihm im Haus, die Sicherheitsvertrauenspersonen mit der Ergonomie nicht ganz so vertraut – also warum nicht? Er wurde bei seinem Anruf freundlich und hilfsbereit von der Arbeitsinspektorin beraten. Er bekam sogar das Angebot, dass man ihn bei Bedarf vor Ort zu Hause beraten würde. Immerhin betreuen die Arbeitsinspektionen mit nicht allzu viel Personal sehr viele Betriebe. Kämen sie jetzt wirklich zu jedem daheim auf Besuch, wäre der Zeitaufwand sehr hoch. Doch so nahm er die Beratung gemeinsam mit Lisa in Anspruch. Die Ergonomin kam also zu Lisa und Paul nach Hause. Gemeinsam suchten sie einen passenden Platz neben dem Fenster aus, der genug Bewegungsraum für Lisa, Schreibtisch und Bürodrehstuhl ermöglicht. Nach getaner Arbeit kann dieser Platz mittels Paravent vom restlichen Wohn- und Kochbereich des Zimmers abgetrennt werden. Die täglichen Arbeitszeiten gehören ja sowohl formal als auch emotional eingehalten. Eine Art Ritual des Zur-Arbeit-Gehens und auch das klare Beenden der Arbeit sind wichtig für eine gesunde Work-Life-Balance. Auch helfen sie dem Partner und den Kindern zu erkennen, wann Arbeitszeit beginnt und wann wieder Zeit für anderes ist.

Eine Stehlampe mit direktem und indirektem Lichtanteil lässt sich auch ohne große Umbauten im Homeoffice aufstellen und bringt die meistens zu geringe Wohnungsbeleuchtung auf die arbeitstauglichen mind. 500 Lux. R.Reichhart/AUVA

Gutes Licht entlastet die Augen

Die erfahrene Ergonomin widmete sich dann sogleich der Beleuchtung. Sie hatte ihr Luxmeter mit dabei, da das menschliche Auge eine gesunde, ausreichende (mind. 500 Lux) Beleuchtung so gut wie nicht feststellen kann. Auch wenn die arbeitsstättenbezogenen Vorschriften (nach Arbeitsstättenverordnung) im Homeoffice und im mobilen Office, etwa auf Dienstreisen, nicht eingehalten werden müssen (es handelt sich nämlich um das Arbeiten an einer auswärtigen Arbeitsstelle), sollte man sie dennoch einhalten – der Gesundheit zuliebe! Die Ergonomin berichtet aus langjähriger Erfahrung, dass diese im Heimbereich so gut wie nie ausreichend ist. Wie sollte sie aber auch, denn sie ist ja für entspanntes Wohnen oder für spezielle Effekte und Stimmungen geplant worden. Erfreulicherweise ist der Sonnenschutz (vor Blendung und Reflexionen) zumeist sehr gut etabliert und kann und soll eingesetzt werden. Da die Zimmerbeleuchtung also fast immer zu wenig hell ist und auch kaum jemand extra für ein Büro alles aufstemmen und umbauen möchte, erweist sich eine Stehlampe (siehe Foto) als ideale Lösung. Diese kann platzsparend neben oder hinter einem Tisch platziert werden. Gibt es eine nicht allzu hohe, helle Raumdecke (mit eher glatter Wand), dann ist die Idealvariante eine Stehlampe, die nicht nur nach unten gestreut und entblendet leuchtet, sondern auch einen Lichtanteil nach oben hat, der über die Reflexion an der Decke gestreut wieder nach unten reflektiert wird. Man erkennt das daran, dass es keinen deutlich sichtbaren Lichtkegel gibt und somit auch – wenn man die Hand darunter hält – keine klar getrennten Mehrfachschatten, sondern einen eher verwaschenen Schatten. Bei einer LED-Leuchte sind entweder eine Milchglasabdeckung oder Prismen besonders wichtig, denn gerade bei LEDs zeigt sich dieses Phänomen der Mehrfachschatten besonders stark und kann die Augen sehr belasten. Die Augen sind bei Bildschirmarbeit ohnehin sehr gefordert!

Bei Lisa gibt es oberhalb des geplanten Schreibtischbereichs ein Regal, das sich sehr gut eignet, um darunter eine Lichtleiste anzubringen – natürlich wieder blendfrei! Zusätzlich zur Stehlampe und der normalen Zimmerbeleuchtung zeigt das Luxmeter jetzt angenehme 700 Lux. Trotz Alterung und Verschmutzung sollten es in einiger Zeit immer noch mind. 500 Lux sein. Der Blick ins Grüne aus dem Fenster zwischendurch tut zusätzlich den Augen und der Seele gut. Für die Augenübungen hat sich Lisa die Bilder aus den Merkblättern und ein Poster der AUVA aufgehängt. Sie macht die Übungen immer wieder mit der ganzen Familie, denn auch die Kinder sitzen schon viel vor dem Computer.

Der Fußraum soll auch im Homeoffice und bei der mobilen Arbeit eingehalten werden. Er sorgt für Bewegungsfreiheit. Die freie Sicht auf den Monitor bei aufrechter Haltung ist auch einzuhalten, um Nackenschmerzen zu verhindern. Richard Reichhart

Alternative Kinderzimmer

Im Zuge des Homeoffice wurden übrigens auch die Kinderzimmer optimiert (siehe Bild: richtige Einstellung für Kinder und Erwachsene). Mit dem Einzug der Laptops in die Kinderzimmer und immer längeren Arbeitsphasen der Kinder vor dem Computer kamen erste Bedenken auf, ob denn das gesund sei und was man für die Gesunderhaltung der Kinder tun könnte. Gut, dass Lisa und Paul von Anfang an „mitwachsende“ Kindermöbel gekauft hatten. Die waren also weit ergonomischer als ihre eigenen Möbel. Die Kindertische wurden bei jedem Wachstumsschub der Kinder angepasst. Bei Kindern war das selbstverständlich, auch die Schultaschen waren verstellbar und die höhenverstellbare Schreibtischstühle der Kinder haben eine Lordosenstütze (eine Wölbung im unteren Rücken, die beim geraden Sitzen unterstützt, siehe Bild) – für sich selbst jedoch hatten sie all das nicht. Aber das ändert sich ja gerade! Die verstellbaren Möbel im Kinderzimmer können auch für die Eltern passend eingestellt werden. Es ist durchaus eine Alternative, in einem der ergonomisch eingerichteten Kinderzimmer zu arbeiten, wenn die Kinder gerade in der Schule oder mit etwas anderem beschäftigt sind.

Eine Kollegin von Lisa hat sich übrigens ein Kinderzimmer in ein schickes Büro umgebaut, ohne viel investieren zu müssen. Aber noch sind Lisas Kinder nicht so weit, schon auszuziehen und ein freies Zimmer zu hinterlassen – ein paar Jahre wird sie auf diesen Luxus wohl noch warten müssen. Also zurück zu dem „Arbeits-Eck mit Paravent“ im Wohnzimmer. Die Ergonomin checkt gerade die restlichen Umgebungsbedingungen. Mit Klima und möglichem Lärm ist sie sehr zufrieden, beides bietet keinen Grund zur Veränderung. 

Die richtige Einstellung von Tisch und Sessel unterscheidet sich nicht zwischen Homeoffice und Büro. F. Hutter

Bürostuhl und Tisch werden optimiert

Jetzt muss Lisa Platz nehmen und der Arbeitsplatz wird gemeinsam auf Lisa eingestellt (siehe Bild). Die Ergonomin beginnt mit den Füßen, die flach auf den Boden gestellt werden können sollen. Da fällt ihr auf, dass der Bürodrehstuhl halb auf einem Teppich und halb auf dem Hartboden steht. Das sollte geändert werden auf: entweder nur Teppich oder nur Hartboden. Möglicherweise müssen dann die Rollen des Bürodrehstuhls ausgetauscht werden, denn je nach Bodenbelag gibt es andere Rollen! 

Dann hockt sich die Ergonomin neben Lisa und schaut, ob die Oberschenkel gut auf dem Sessel aufliegen und in der rechtwinkeligen Kniekehle eine Handbreit Platz frei ist, sodass die Bewegungsfreiheit nicht eingeschränkt wird und keine Druckstellen entstehen. In dieser Position entdeckt sie den Mistkübel unter dem Tisch und noch ein paar andere Gegenstände, die herausgeräumt werden müssen, damit genug Platz für die Beine und deren Bewegung vorhanden ist (Platz für Fußraum siehe Bild). Es ist zwar ein etwas älterer Tisch, aber eine Lade, die stören könnte, gibt es zum Glück nicht. Nach einigen Diskussionen und Überlegungen werden die Tischbeine wohl auf höhenverstellbare ausgetauscht, denn Paul soll ja hier auch arbeiten können. In der Übergangszeit jedoch bleibt der Tisch eher höher und die kleinere Lisa bekommt ein niedriges Podest unter die Füße: Einige alte Bücher und/oder Packungen von Kopierpapier werden zu einer soliden Auflagefläche zusammengebaut (ev. mit einem alten Regalbrett abgedeckt, um die Bücher zu schonen) und dienen als angenehm große Fußstütze. Der Sessel wird dementsprechend höhergestellt, sodass die locker hängenden Arme, wenn man sie im Ellenbogen auf einen rechten Winkel abbiegt, locker auf dem Tisch aufliegen können.

Der Tisch ist ein hübscher Glastisch. Er passt zwar wunderbar zur Einrichtung des Zimmers, aber er spiegelt ganz fürchterlich. Bevor er gegen eine Tischplatte mit matter, reflexionsarmer Oberfläche ausgetauscht werden kann, bekommt er eine flächendeckende Auflage aus hellem, farbigem Papier. Das kostet kaum etwas und schont die Augen. Die Tastatur kommt direkt vor Lisa, der Monitor gleich dahinter, sodass ihr Blick bei aufrechtem Kopf im 90-Grad-Winkel auf den Bildschirm trifft. Die oberste Bildschirmzeile darf nicht über Augenhöhe sein. Der Laptop kommt auf die Seite und bleibt nach Möglichkeit zugeklappt. Sie werden noch den Vorgesetzten um eine Dockingstation bitten, damit nicht jedes Mal alle Kabel umgesteckt werden müssen. Alternativ kann man ja auch einige Geräte kabellos betreiben. In dem Fall ist es sehr praktisch, dass Lisa und Paul Laptops vom selben Hersteller haben. Sonst müsste der Tisch doch etwas größer und der Tischverteiler (Steckdose mit mehreren Steckplätzen) etwas länger sein. Immerhin lassen sich alle Kabel gut im Kabelkanal verstecken und verursachen so auch keine Stolperfallen.

Fotostrecke, wie man die Sitztiefe auf der Couch durch einen zweiten Polster optimieren kann, sodass im Knie ein rechter Winkel entsteht und eine Handbreit Platz im Kniegelenk bleiben kann für die nötige Bewegungsfreiheit.

 

Nun werden kurz die Tätigkeiten besprochen, die üblicherweise während der Arbeit zu Hause zu erledigen sind, denn danach richtet sich die Tischgröße. Zumeist geht es, wenn überwiegend digital gearbeitet wird, auch auf einer etwas kleineren Tischfläche als im Büro, z. B. mit 70 cm Tischtiefe und etwas weniger als 160 cm Tischbreite. Bei zwei Monitoren ist diese Tischgröße aber sehr wohl nötig, wobei andere Arbeitsmittel wie Drucker auf einem Kästchen daneben stehen sollten. Die Ergonomin nimmt auch noch die Couch und den Küchentisch unter die Lupe: Kann Lisa auch dort arbeiten? Oder sind sie für Paul in der richtigen Höhe? Paul ist recht groß, also ist er optimistisch und nimmt am Esstisch Platz. Die Ergonomin sieht sich das wieder von der Seite an. Lisa will es genau wissen und fragt, worauf sie achten muss. „Im Sitzen soll eine lotrechte Linie zwischen Ohr, Schultergelenk und Hüftgelenk gezogen werden können. Der Rücken soll in seiner natürlichen doppelten S-Form gut gestützt sein. Die rechten Winkel in Knie, Hüfte und im Ellenbogen haben wir vorhin schon gemeinsam besprochen. Der Kopf soll wirklich aufrecht sein, was gerade beim Laptop zu einem Problem wird, je größer jemand ist“, erklärt die Ergonomin. Immer wieder merkt Lisa, dass es gar nicht so einfach ist, das ganz alleine einzurichten. Ihre Dienstreisen werden eine Herausforderung, wenn sie auch dort ergonomisch und somit gesund arbeiten möchte. Aber sie wird ihre Kreativität schon ausschöpfen, jetzt, wo sie weiß, worauf sie achten muss.

Jeder Zentimeter zählt

Zurück zu Paul, der schon ungeduldig am Esstisch wartet. Das Problem mit den Küchentischen ist, dass sie normalerweise eine Normhöhe von 75 cm haben. Ein nicht höhenverstellbarer Schreibtisch hat eine Standardhöhe von 72 cm. Dann kommen natürlich noch die unterschiedlichen Proportionen jedes Menschen (einer hat längere oder kürzere Unterschenkel, ein anderer einen längeren oder kürzeren Oberkörper usw.) hinzu. Daher muss jeder für sich prüfen oder jemanden von der Seite schauen lassen, ob die Möbel passen oder ob, wie hier bei Paul, wieder gebastelt werden muss. Obwohl Paul groß ist, ist der Esstisch zu hoch für ihn. Da aber nur 2 cm fehlen, bekommt er eine große Holzplatte als Unterlage unter Sessel und Füße. Das ist insofern sehr praktisch, da nun auch die Kinder hier beim Essen leichter sitzen können. (Der Tisch bleibt am Boden. Stolperstellen entstehen keine, denn dort geht niemand vorbei – oder man nimmt das Brett vom Boden einfach wieder weg, wenn die Arbeit erledigt ist.) Was die Beleuchtung beim Arbeiten am Esstisch angeht, ist auch hier eine Stehlampe eine gute Möglichkeit. Die restlichen Einstellungen wiederholen sich wie schon zuvor beim Arbeitsplatz am Fenster. Nun geht es weiter zur Couch. Hier zeigt sich, dass die Sitztiefe zu hoch ist und sich das erst beheben lässt, wenn zwei (oder drei) Rückenpolster verwendet werden (siehe Foto) Auch ein kleiner zusätzlicher Polster direkt für den Rücken kann sowohl am Esstisch als auch auf der Couch sehr angenehm sein – vor allem, wenn man an diesem Ort länger als 20 Minuten am Stück bzw. zwei Stunden pro Tag arbeiten möchte. Hier ist der wichtigste Ratschlag laut Ergonomin der Haltungswechsel, Studien belegen das inzwischen eindeutig (siehe dazu die österreichischen Forschungsergebnisse von Dr. Bernhard Schwartz). Natürlich ist es herausfordernd, noch an einen Haltungswechsel bzw. Standortwechsel zu denken, wenn man konzentriert arbeitet. 

Die hier mit Pfeil markierte Stelle kann auch mit einer Jacke (mittleres Bild), einem Pullover (rechtes Bild) oder einem Polster unterstützt werden.

Auch die 10 Minuten Tätigkeitswechsel oder Pause alle 50 Minuten, die zwar im Homeoffice nicht eingefordert werden können, aber aus gesundheitlichen Gründen (und abgeleitet aus der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers) eingehalten werden sollen, sind wichtig und notwendig, um die Leistungsfähigkeit über einen Tag zu erhalten. Lisas Vorgesetzter hat das bereits erkannt und freut sich, dass seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wirklich viel schaffen an einem Tag. Paul dagegen wird immer angetrieben, sein Vorgesetzter glaubt noch immer, dass er mehr Arbeit bewältigen kann, wenn er weniger Pausen macht. Ein fataler Irrtum, denn Lisa beweist Paul täglich das Gegenteil. Noch ein Tipp der Ergonomin kommt am Schluss: Die kurzen Pausen für Bewegung zu nutzen! Aber sie warnt auch gleich, dass hier der Unfallversicherungsschutz natürlich nicht greift, sollte man sich dabei verletzen. Dennoch zahlt sich Bewegung immer aus, übrigens auch beim Telefonieren (Stolperstellen wie kleine Teppiche, Türschwellen, herumliegende Gegenstände, Spielzeug und Ähnliches nach Möglichkeit beseitigen!).

Mobil ergonomisch arbeiten – eine Herausforderung

Nach diesem spannenden Besuch der Ergonomin geht es für Lisa auf Dienstreise. Sie fliegt nach Frankfurt und fährt dann noch ein Stück mit dem Zug zu einem Kunden, hat zwei Nächte in einem Hotel vor sich, bevor es mit denselben Verkehrsmitteln wieder zurück nach Hause geht. Aus Interesse hat sie sich von der Ergonomin das Luxmeter ausgeborgt und sich gut erklären lassen, wie man richtig misst. Auch hat sie sich vorgenommen, die arbeitenden Leute auf der Reise zu beobachten. Sie achtet darauf, ob sie ergonomisch gesund arbeiten und wie bzw. ob sie für sich selbst ergonomische Lösungen finden. Es wird also eine besonders spannende Dienstreise. Lisa wird ihre Erkenntnisse mit der Ergonomin besprechen, damit die Kolleginnen und Kollegen auch davon profitieren können.

Am folgenden Tag geht es früh los, die AUVA-App Bildschirmarbeitsplätze auf dem Tablet ist sicherheitshalber mit dabei (www.apps.auva.at). Bereits am Flughafen beim Warten auf das Flugzeug zeigt sich, dass es zwar viele Lademöglichkeiten gibt und auch WLAN inzwischen überall gut und rasch verfügbar ist, jedoch die Sitzmöglichkeiten einiges zu wünschen übrig lassen. Auch die Beleuchtungssituation liegt überall deutlich unter 500 Lux. Selbst die großen Fensterfronten helfen da nicht viel, ganz im Gegenteil, sie führen oft zu Blendungen und es zeigen sich Reflexionen am Monitor. Spotbeleuchtung ist allerorts zu finden, sowohl im Flughafen, als auch im Flieger selbst und später auch im Zug. Die Spots blenden, hell genug sind sie dennoch nicht. Die Ergonomin hat ihr noch den Tipp gegeben, eine Jacke oder einen Pullover zusammenzulegen und als Lordosenstütze zwischen Rückenlehne und Sessel zu positionieren. Eine angenehme Erleichterung, gerade und gestützt zu sitzen, wo kaum eine Sitzgelegenheit von der Größe und Form her wirklich für Lisa passen. Selbst die Fußstützen, die es immer wieder mal zu finden gibt, sind zumeist sehr klein und nur als zeitweilige Lösung (häufig wechseln!) zu betrachten, denn auf Dauer führen sie ebenfalls zu Zwangshaltungen, weil sie zu klein sind. Ebenso problematisch sind die Tischchen, die man im Flugzeug und im Zug teils zum Ausklappen, teils fix montiert, vorfindet. Sind sie zu hoch (siehe oben: rechter Winkel im Ellenbogen bei locker hängenden Armen und aufrechter Haltung), so ist es besser, sie wegzuklappen und stattdessen die (z. B. mit einem Kleidungsstück ausgestopfte) Laptoptasche als Unterlage am Schoß zu verwenden (siehe Titelfoto).

Für die Dienstreisen hat Lisa übrigens eine spezielle Folie auf ihren Laptop bekommen, die gegen neugierige Blicke schützt. Diese Folie lässt nur den Blick von vorne auf den Laptop zu und die Nachbarn oder auch hinter einem sitzenden Personen sehen nicht, welche sensiblen Daten der Firma sie gerade bearbeitet.

Im Hotelzimmer ist – wie meistens – ein fix montierter Tisch neben dem Bett als Schreibtisch angebracht, vor dem ein Holzsessel steht. Dass da die Höhen kaum passen, liegt auf der Hand. Lisa ist es aber inzwischen schon gewohnt und sucht sich gleich diverse passende Polster und ist froh, eher klein zu sein, da sie sich ja doch immer wieder die Höhe mit Polstern einrichten kann. Paul hat es da sicher schwerer, er wird wohl immer wieder Probleme mit den Beinen haben und eher breitbeinig sitzen müssen, sich leicht vorbeugen und eventuell die Ellenbogen zur Seite nehmen (wenn es sein Nacken aushält) oder doch vielleicht auch im Hotel wieder die Laptoptasche als erhöhenden Untergrund verwenden müssen (zusätzlich zu Polstern auf der Sitzfläche und im Rücken). Jedoch ist beiden inzwischen klar, dass sie besonders auf Dienstreisen oft die Haltung und den Arbeitsplatz wechseln müssen, um ergonomisch und gesund arbeiten zu können. 

Doch Lisa hat es geschafft und sich an jedem Standort zu helfen gewusst. Jetzt ist sie wieder zurück und kann ohne Schmerzen und Probleme ins Wochenende mit ihrer Familie starten. Das Firmenhandy ist abgeschaltet und der Laptop ist abgedreht. Der Paravent verdeckt den Arbeitsplatz mit einem hübschen Bild. Auch Pauls Vorgesetzter hat inzwischen verstanden, dass Paul wie immer zeitgerecht und ordentlich seine Arbeit erledigt hat und er ihn in der Freizeit nicht anzurufen braucht. 

Die Pandemie spielte zwar für Homeoffice an sich keine Rolle, hat jedoch dazu beigetragen, dass gewisse Abläufe und Abmachungen an Bedeutung gewonnen haben: Führungskräfte müssen ihre Führungsaufgaben noch gewissenhafter wahrnehmen als sonst, denn nur mit Vertrauen und klaren Zielvereinbarungen sowie mit klaren Regeln für ein konstruktives Miteinander lassen sich auch schwierige Arbeitssituationen und ein Führen aus der Ferne erfolgreich umsetzen. Paare müssen Vereinbarungen treffen, wer wann wo und wie konzentriert arbeitet – je enger der Raum ist, auf dem man zusammenlebt, desto wichtiger ist das. Abwechselndes Homeoffice ist bei geringem Platzangebot sicher die bessere Lösung. Kinder (und Haustiere übrigens auch) können und müssen ebenso lernen, wann sie sich selbst beschäftigen müssen und wann dann wieder Zeit für gemeinsame Aktivitäten ist. Offene Worte und klare Regeln erleichtern das Miteinander. 

Lisa, Paul und die beiden Kinder haben es jedenfalls inzwischen sehr gut hinbekommen, sich ergonomisch, gesund und sicher im Homeoffice einzurichten. Wenn sie einmal nicht weiter wissen, dann fragen sie bei ihren Präventivfachkräften, der Ergonomin, bei der AUVA oder bei der Arbeitsinspektion einfach wieder nach.

Zusammenfassung

Wie kann man seinen Homeoffice-Arbeitsplatz ergonomisch gestalten und auf Dienstreisen gesund arbeiten? Anhand einer fiktiven Geschichte erläutert die Autorin jene Punkte, auf die besonders zu achten ist, und gibt praktische Tipps für eine kostengünstige Umsetzung.