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Forum Prävention 2022

Aktuelle Themen im Blickpunkt

Bei Österreichs größter Fortbildungsveranstaltung zu Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz wurde der neue AUVA-Präventionsschwerpunkt vorgestellt.
Bühne mit Keynote-Speaker Ali Mahlodji, darüber ein großer Screen mit verschiedenen Einblicke in das Forum: Arbeitskreise mit Jugendlichen, Jugendliche, die Selfies machen, Vortragende mit Mikrofon, verschiedene Screens
R. Reichhart

In jedem Beruf ist man arbeitsbedingten Risiken, etwa für Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE), ausgesetzt, aber an bestimmten Arbeitsplätzen ist die Gefahr für Erkrankungen oder Unfälle besonders groß. Wie es um die Arbeitssicherheit von Personen bestellt ist, die in hohen Lagen Schutzbauten gegen Muren und Lawinen errichten oder verunglückte Bergsportler:innen aus schwer zugänglichem Gelände retten, zeigt der Film „Sicherheit123“, der beim Filmscreening am 16. Mai 2022 in Innsbruck vorgeführt wurde. Der zweite präsentierte Film, „Automatic Fitness“, zeichnete ein dystopisches Bild einer vollautomatisierten Arbeitswelt.

Das Filmscreening, das von der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA), dem Bundesministerium für Arbeit und der Bundesarbeitskammer unterstützt wurde, bildete den Auftakt für das Forum Prävention 2022 von 17. bis 19. Mai 2022 in der Congress Messe Innsbruck. Bei der Veranstaltung wurde über den AUVA-Präventionsschwerpunkt 2021/22 „Packen wir’s an!“ Bilanz gezogen und der neue Schwerpunkt „Komm gut an!“ zur Verkehrssicherheit vorgestellt. Im Fokus der Veranstaltung standen Homeoffice und junge Arbeitnehmer:innen.

Seit Beginn der Pandemie war es zum ersten Mal wieder möglich, nicht nur virtuell, sondern auch in Präsenz am Forum Prävention teilzunehmen. „Mit der hybriden Variante hätten wir die Reißleine ziehen können, es war ein kalkuliertes Risiko. Viele wollten sich wieder ‚face to face‘ treffen – und die Ausstellung funktioniert nicht online, weil man auch miteinander reden möchte“, betonte DI Georg Effenberger, Leiter der Abteilung Prävention in der AUVA-Hauptstelle und fachlicher Leiter des Forums Prävention, in seinen einleitenden Worten.

DI Mario Watz, Obmann der AUVA, ging in seinem Video-Eröffnungsstatement auf den neuen Präventionsschwerpunkt ein: „Unfälle im Verkehr gefährden Menschenleben wie keine andere Gefahrenquelle im Arbeitsleben. Die AUVA startet mit dem Forum Prävention eine neue Initiative mit dem Titel ‚Komm gut an!‘.“ Mag. Jan Pazourek, stellvertretender Generaldirektor der AUVA, wies darauf hin, dass der berufliche Verkehr vor allem bei schweren Arbeitsunfällen dominant sei: „Die Hälfte der tödlichen Unfälle ist mobilitätsassoziiert. Der:die Fahrer:in wird oft durch das Handy und andere Devices, auf die man achten muss, abgelenkt.“

Chancen für Junge

Keynote-Speaker Ali Mahlodji, BSc, der auf eine Bilderbuchkarriere vom Geflüchteten und Schulabbrecher bis zum Unternehmer, EU-Jugendbotschafter auf Lebenszeit, Berater und Autor zurückblicken kann, erklärte, dass er sich selbst als Vermittler zwischen jungen und älteren Menschen sehe. Jede Generation habe ihre Werte, die man nur vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeit verstehen könne, so Mahlodji: „Die Finanzkrise kommt, man sieht, dass große Konzerne plötzlich Leute entlassen. Die Jungen sind nicht pessimistisch, sondern realistisch.“

An der aktuellen unsicheren Situation orientieren sich laut Mahlodji auch die Erwartungen, die Jugendliche und junge Erwachsene in Bezug auf ihr Berufsleben haben: „Die ‚Generation Global‘ will das, was Menschen in Krisenzeiten immer schon wollten: Chancengleichheit, Orientierung und Sicherheit.“ Im Umgang mit jungen Arbeitnehmern:Arbeitnehmerinnen reiche es nicht mehr aus, ihnen zu sagen, was sie zu tun hätten, vielmehr gehe es darum, Menschen zu entwickeln, Coach und Mentor:in zu sein. Andererseits gebe es auch Dinge, die die Älteren von den Jungen lernen könnten.

Die Chancen für eine positive Entwicklung im Berufsleben sind laut Univ.-Prof. Mag. Dr. Jörg Flecker vom Institut für Soziologie der Universität Wien ungleich verteilt: „Je nach Klassenlage und Geschlecht ist es unterschiedlich, welche Optionen zur Verfügung stehen.“ Eine an seinem Institut durchgeführte Studie befasst sich mit einer oft vernachlässigten Gruppe: den Schülern:Schülerinnen an Neuen Mittelschulen. Den meisten sei es wichtig, die Schule abzuschließen und einen Beruf zu haben, so der Soziologe. Der anfängliche Optimismus, später einmal im Wunschberuf tätig zu sein, nimmt jedoch im Lauf der Jahre ab.

Ob sich junge Menschen an ihrem Arbeitsplatz wohlfühlen, hängt auch von den körperlichen Belastungen ab. DI Ernst Piller vom Zentral-Arbeitsinspektorat präsentierte die von der Arbeitsinspektion erstellte Checkliste zur Beurteilung von Belastungen bei Jugendlichen und Erwachsenen: „Mit der Checkliste stellen wir fest, ob Risikofaktoren für MSE vorhanden sind. Sie enthält mess- und beurteilbare Parameter, Beispiele typischer Tätigkeiten und Angaben zur betroffenen Körperregion.“ Unterschiede zwischen Jugendlichen und Erwachsenen gibt es etwa im Bereich Heben, Halten und Tragen im Hinblick auf das maximale Gewicht der Last oder die zulässige Häufigkeit des Arbeitsvorgangs.

Arbeit im Homeoffice

Auch stundenlanges Sitzen belastet den Bewegungs- und Stützapparat. Das wird insbesondere im Homeoffice zum Problem, wie Dr. Hanna Zieschang vom Institut für Arbeit und Gesundheit (IAG) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) erklärte: „Manche berichten, dass sie zu Hause keinen Platz haben, oft am Küchentisch arbeiten, keine oder verkürzte Pausen machen und häufiger Rückenschmerzen haben.“ Das Abschalten nach der Arbeit fällt im Homeoffice schwerer, weil es keine räumliche Trennung gibt und viele auch in der Freizeit beruflich erreichbar sein müssen.

Die Hälfte der tödlichen Unfälle ist mobilitätsassoziiert.

Mag. Jan Pazourek

Zieschang gab Tipps, wie man den Arbeitsplatz zu Hause durch Improvisation ergonomischer gestalten kann, z. B., indem man einen stabilen Karton als Fußstütze nutzt oder den Laptop statt auf einem Laptop-Ständer auf einem Stapel Bücher platziert. Ein Beistelltisch bietet die Möglichkeit, eine zu kleine Arbeitsfläche zu erweitern. Um langes Sitzen zu vermeiden, lässt sich ein Bügelbrett oder ein Notenständer zum Steharbeitsplatz umfunktionieren.

Auch das im Rahmen des Forums Prävention abgehaltene Seminar der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS), eines weltweiten Forums der Sozialversicherungsträger, befasste sich mit dem Thema Homeoffice. DI Dr. Elke Schneider von der EU-OSHA ging auf die organisatorischen Maßnahmen ein, die die Arbeit zu Hause erleichtern. Man sollte den vom Büro gewohnten Tagesablauf beibehalten, also zur üblichen Zeit aufstehen, Pausen machen und den Arbeitstag nach der vereinbarten Stundenanzahl beenden. Das fällt leichter, wenn man die Abendgestaltung schon im Vorhinein plant.

Physische und psychische Belastungen

Auf die Rolle von psychischen Belastungen bei der Entstehung von MSE wies Mag. Ulrike Amon-Glassl, Vorstandsmitglied der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Ergonomie (ÖAE), hin: „Die Wahrscheinlichkeit für Muskel-Skelett-Beschwerden ist bei einer Reihe von ungünstigen Arbeitsbedingungen stark erhöht: um mehr als das Doppelte bei negativem Sozialklima und mangelnden Rückmeldungen, um fast das Doppelte bei wenig inhaltlichem Spielraum, wenig Information und Mitsprache, geringer Abwechslung und geringem Haltungswechsel.“ Betroffene Arbeitnehmer:innen sollten sich aktiv Unterstützung holen und diese auch annehmen.

Sowohl für psychische als auch für körperliche Probleme kann man mit Hilfe des Präventionsprogramms AUVAfit, das aus den Modulen Ergonomie und Arbeitspsychologie besteht, Lösungen finden. Mag. Eva Petershofer von der AUVA-Landesstelle Linz beschrieb den Ablauf eines AUVAfit-Projekts von der Klärung des Auftrags über die Analyse ausgewählter Arbeitsplätze bis zur Planung und Realisierung geeigneter Maßnahmen. Martina Lettner, BSc MPH, Ergonomin in der AUVA-Landesstelle Linz, betonte die langfristige Wirkung eines AUVAfit-Projekts: „Man muss Angebote einholen und budgetieren. Manche Maßnahmen sind aktuell nicht machbar, können aber in zwei bis drei Jahren umgesetzt werden.“

Ein Beispiel für eine bei AUVAfit erarbeitete Maßnahme zur Prävention von MSE in einem Betrieb der Papierindustrie beschrieb Mag. Michaela Strebl, Ergonomin in der AUVA-Hauptstelle: „Die größte Belastung hat es beim Verpacken und Wenden der Papierrollen gegeben. Ein Folierautomat hat diesen Teilschritt ersetzt.“ AUVA-Kampagnenmanagerin Dr. Marie Jelenko führte als Good-Practice-Beispiel die mit der Goldenen Securitas 2021 ausgezeichnete Konditorei Neumeister an, die mehrere Maßnahmen zur Entlastung ihrer Mitarbeiter:innen gesetzt hatte, darunter die Installation einer Hebehilfe für das Einfüllen des schweren Teigs.

Arbeitsunfälle

Neben jahrelanger Überlastung, die oft MSE zur Folge hat, können auch Unfälle Schäden des Bewegungs- und Stützapparats verursachen. Ing. Georg Oberdorfer von der Abteilung für Unfallverhütung und Berufskrankheitenbekämpfung in der AUVA-Hauptstelle betonte, dass vor allem Jugendliche und junge Erwachsene betroffen seien: „Die Unfallraten bei jungen Menschen sind um den Faktor 1,5 bis 2 höher als bei Personen aus anderen Altersgruppen.“ Beginnt man früh mit Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen, führt das zu einer geringeren Unfallwahrscheinlichkeit während des gesamten Arbeitslebens.

Gemessen an der Schwere der Arbeitsunfälle führt in sämtlichen Altersgruppen der Bereich Verkehr. „Der Anteil der Verkehrsunfälle an allen Arbeitsunfällen ist mit neun Prozent gering, aber jeder dritte endet tödlich“, gab Mag. Felicitas Kienböck, fachkundiges Organ Verkehr in der AUVA-Hauptstelle, zu bedenken. Knapp ein Drittel der Verkehrsunfälle lässt sich auf Ablenkung zurückführen. Es folgen überhöhte Geschwindigkeit, Vorrangverletzungen, Müdigkeit, zu geringer Abstand und technische Mängel.

GDStv. Mag. Jan Pazourek
GDStv. Mag. Jan Pazourek Richard Reichhart
Ali Mahlodji
Ali Mahlodji Richard Reichhart
DI Georg Effenberger
DI Georg Effenberger Richard Reichhart
Univ.-Prof. Mag. Dr. Jörg Flecker
Univ.-Prof. Mag. Dr. Jörg Flecker Richard Reichhart

Auch bei den 16- bis 24-Jährigen stellt Ablenkung die Hauptursache für Verkehrsunfälle dar. An zweiter Stelle liegt Vorrangverletzung, an dritter nicht angepasste Geschwindigkeit. DI Christian Kräutler vom Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) ging auf die unterschiedlichen Arten von Ablenkung ein. Die einzige bewusste ist die visuelle wie der Blick auf das Handy. Daneben gibt es auch die auditive, z. B. durch Musikhören beim Fahren, die motorische, etwa durch Essen während des Lenkens, und die kognitive, wenn beispielsweise Emotionen die Konzentration auf den Verkehr beeinträchtigen. In einem Workshop des KfV werden Jugendliche für die Gefahren durch Ablenkung sensibilisiert.

Komm gut an!

Die AUVA hat sich mit ihrem Präventionsschwerpunkt 2022–24 „Komm gut an!“ zum Ziel gesetzt, die Anzahl insbesondere der schweren Verkehrsunfälle im Arbeitskontext zu senken. Als Weg- bzw. Arbeitsunfall gilt ein Verkehrsunfall dann, wenn er sich entweder am Arbeitsweg – also am Weg in die Arbeit bzw. wieder nach Hause – ereignet oder im Zuge der Dienstverrichtung außerhalb des Unternehmensstandorts, erklärte Mag. Klaus Bohdal vom Unfallverhütungsdienst der AUVA-Landesstelle Linz. Unfälle im Werksverkehr am Unternehmensstandort, etwa mit Staplern, gelten ebenfalls als Arbeitsunfälle.

Kampagnenmanagerin Dr. Marie Jelenko beschrieb den zeitlichen Ablauf des neuen Präventionsschwerpunkts: 2022 beginnt die Kampagne mit Verkehrssicherheit allgemein. Weiter geht es im Frühjahr 2023 mit der Verhinderung von Wegunfällen mit (E-)Rad und (E-)Scooter. Im Herbst 2023 steht der innerbetriebliche Verkehr auf dem Programm. Ab Frühjahr 2024 widmet sich die AUVA den Berufskraftfahrern:-kraftfahrerinnen, bevor im darauffolgenden Herbst Resümee gezogen wird. Zu jedem der Themenbereiche gibt es eine Fachveranstaltung, bei der der aktuelle Wissensstand und Good-Practice-Beispiele präsentiert werden. Das nächste Forum Prävention findet von 22. bis 25. Mai 2023 in Wien statt.

Im Fokus des Präventionsschwerpunkts stehen auch Unfälle mit nicht motorisierten Fahrzeugen, da sich durch die Pandemie das Mobilitätsverhalten verändert hat. „Scooter und Rad gewinnen an Bedeutung bei Wegen in die Arbeit und nach Hause. Auch am Werksgelände werden Scooter eingesetzt“, so Mag. Felicitas Kienböck, MSc, von der AUVA-Hauptstelle. Mit dem neuen Schwerpunkt sollen Ausbildungsstätten und Betriebe über die Möglichkeiten zur Verhinderung von Verkehrsunfällen informiert und soll Verkehrssicherheit als fixer Bestandteil in der Präventionsarbeit von Unternehmen verankert werden.

Lehrlinge bei den IBV

Das ist bei der Innsbrucker Verkehrsbetriebe und Stubaitalbahn GmbH (IVB) bereits der Fall. „Die Themen Sicherheit und Gesundheit sind für uns besonders wichtig“, so IVB-Personalleiterin Birgit Haidacher. Schon in der Ausbildung werden den Lehrlingen umfangreiche Informationen zu Sicherheit und Gesundheitsschutz vermittelt. In regelmäßigen Unterweisungen und Schulungen können die Mitarbeiter:innen das Gelernte wiederholen und vertiefen. Dazu zählen laut Gregor Peimpolt, Sicherheitsfachkraft bei IVB, auch Erste-Hilfe-Kurse und Feuerlöschübungen.

Bei einer Exkursion zu den Innsbrucker Verkehrsbetrieben konnten sich interessierte Besucher:innen des Forums Prävention vor Ort selbst ein Bild von einigen der Arbeitsschutzmaßnahmen machen – etwa, als Lehrlinge in persönlicher Schutzausrüstung unterschiedliche Arbeiten an Bussen und Straßenbahnen demonstrierten. Auch ein zukunftsweisender Aspekt der Ausbildung zeigte sich beim Rundgang durch das Unternehmen: der sichere Umgang der jungen Mitarbeiter:innen mit Fahrzeugen, die mit erneuerbarer Energie betrieben werden.

Zusammenfassung

Beim Forum Prävention, das von 17. bis 19. Mai 2022 in Innsbruck stattfand, wurde über den AUVA-Präventionsschwerpunkt 2021/22 „Packen wir’s an!“ zur Vermeidung von Muskel-Skelett-Erkrankungen Bilanz gezogen und der neue Schwerpunkt 2022–24 „Komm gut an!“ zur Verkehrssicherheit vorgestellt. Im Fokus der Veranstaltung standen ergonomische Maßnahmen bei der Arbeit im Homeoffice und der Schutz junger Arbeitnehmer:innen.


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