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AUVA Packen wir’s an!

Test und Therapie

Im AUVA-Rehabilitationszentrum Weißer Hof wird anhand des EFL-Tests eine maßgeschneiderte Therapie erarbeitet und der Wiedereinstieg in den Beruf vorbereitet.
Eine junge Patientin hantiert an einem Versuchsaufbau zum Test der Feinmotorik
Martin Lusser

Nach einem Unfall unterschätzen viele Betroffene ihre funktionelle Leistungsfähigkeit und damit auch ihre Arbeitsfähigkeit. Diese Einschätzung kann mit Hilfe der „Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit“ (EFL) objektiviert werden. So lässt sich feststellen, ob eine Rückkehr an den früheren Arbeitsplatz möglich ist, der:die Beschäftigte Hilfsmittel benötigt oder zumindest anfangs die Stundenanzahl reduziert werden sollte. Ist ein Arbeitsplatzwechsel erforderlich, klärt man durch den EFL-Test, welche Ressourcen für andere Tätigkeiten vorhanden sind. Im AUVA-Rehabilitationszentrum Weißer Hof in Klosterneuburg wurden bereits 1996 erste EFL-Testungen durchgeführt. Mittlerweile sind in Österreich neun Ärzte: Ärztinnen sowie 35 Physio- und Ergotherapeuten:-therapeutinnen akkreditiert. „Bei der Anzahl der durchgeführten EFL-Tests sind wir hier im RZ Weißer Hof österreichweit führend“, so Oberarzt Dr. Martin Schindl, Facharzt für physikalische Medizin und Rehabilitation. Im Reha-Zentrum werden auch in Pandemiezeiten pro Jahr rund 1.300 Patienten:Patientinnen rehabilitiert und 150 bis 180 EFL-Tests durchgeführt. Nur ein Teil der am Weißen Hof Behandelten wurde bei Arbeitsunfällen verletzt. Deren Anzahl geht – nicht zuletzt aufgrund der von der AUVA geförderten Präventionsmaßnahmen – seit Jahren zurück, der Anteil der Freizeitunfälle steigt prozentuell an.

Oberarzt Dr. Martin Schindl,
Oberarzt Dr. Martin Schindl, Facharzt für physikalische Medizin und Rehabilitation R. Pexa
Christian Tesak
Christian Tesak, Leiter der Ergotherapie und verantwortlicher EFL-Therapeut des RZ Weißer Hof R. Pexa

EFL-Testung

Die Voraussetzung für die Durchführung einer EFL-Testung ist eine medizinisch und unfallchirurgisch stabile körperliche Verfassung. In einem ärztlichen Vorgespräch wird geklärt, welche Tätigkeiten der:die Patient:in im Beruf ausüben muss, anschließend erhält er:sie Informationen über die EFL-Testung. Diese findet an zwei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils am Vormittag statt.

Die Standard-EFL-Testung beinhaltet 29 verschiedene Funktionen: Hebe- und Tragetests, Aktivitäten der Fortbewegung, Arbeiten in statischen Körperpositionen, Testung der Handkraft und der Handgeschicklichkeit sowie des Gleichgewichts. Beim Heben und Tragen wird das Gewicht der Last schrittweise bis zum individuellen sicheren Maximum erhöht. Um die statische Belastbarkeit zu prüfen, muss der:die Patient:in unterschiedliche statische Arbeitshaltungen – etwa stehendes Arbeiten über Kopf, längeres Sitzen oder längeres Hocken – einnehmen. Der Bereich Fortbewegung beinhaltet einen Sechs-Minuten-Gehtest, Ziehen und Schieben von Lasten sowie Stiegen- und Leitersteigen.

Bei Bedarf kommen auf den jeweiligen Beruf abgestimmte arbeitsspezifische Tests dazu. „In den Standardtests ist Arbeiten auf einer schiefer Ebene nicht enthalten, aber Spengler:innen, Dachdecker:innen und Gärtner:innen müssen das in ihrem Beruf können. Daher gehen wir mit ihnen zum Testen auf eine schiefe Ebene“, erklärt Christian Tesak, Leiter der Ergotherapie und verantwortlicher EFL-Therapeut des RZ Weißer Hof. Komplexe Bewegungen werden von den Standardtests ebenfalls nicht erfasst. So muss man beim Führen einer Scheibtruhe die Last in Taillenhöhe heben, damit gehen und dabei auch auf unebenem Boden das Gleichgewicht halten. Laut Tesak kann es sein, dass ein:e Patient:in diese drei Funktionen beherrscht, wenn man sie in getrennten Tests einzeln überprüft, bei einer Kombination der Bewegungen jedoch scheitert. Daher zeigt nur ein arbeitsspezifischer Test, ob eine am Arbeitsplatz geforderte Tätigkeit tatsächlich ausgeführt werden kann.

Grenzen ausloten

Die Festlegung der zumutbaren funktionellen Belastbarkeit erfolgt durch Beurteilung des sicheren Maximums der Bewegungsabläufe anhand klar definierter Beobachtungskriterien. Diese umfassen die Muskelrekrutierung (bei zunehmender Belastung werden zunehmend mehr (Hilfs-)Muskeln eingesetzt), die Flüssigkeit des Bewegungsablaufs, die Standbreite und die Körperhaltung während der Aktivität sowie vegetative Zeichen, die mit der Anstrengung korrelieren, wie Atem- und Herzfrequenz. Bei den Hebe- und Tragetests wird das maximale sicher und ergonomisch zu hantierende Gewicht bestimmt. Dass viele Patienten:Patientinnen nach einem Unfall verunsichert sind, was sie ihrem Körper zumuten können, zeigt auch die vor dem Test abgefragte Selbsteinschätzung. „Rund zehn Prozent überschätzen ihre Fähigkeiten, die muss man bremsen, da sekundäre Überlastungen die Entstehung von Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) fördern können. Etwa ein Drittel schätzt die eigenen Fähigkeiten realistisch ein, der Rest unterschätzt sich“, so Schindl.

Nach dem EFL-Test werden die Patienten:Patientinnen erneut um eine Selbsteinschätzung gebeten. Dabei schätzt rund die Hälfte derjenigen, die ihre Fähigkeiten beim ersten Mal unterschätzt haben, diese nun höher und realistischer ein. Tesak hat eine Erklärung dafür: „Man lernt im Rahmen der EFL-Testung viel über sich selbst und seine körperlichen Fähigkeiten. Das ist eine Möglichkeit der Selbsterfahrung, die einen therapeutischen Effekt hat.“ Wichtig ist die Selbsteinschätzung unter anderem deswegen, weil sie einen großen Einfluss darauf hat, ob eine Person wieder imstande ist, ins Berufsleben zurückzukehren, erläutert Dr. Schindl, der sich dabei auch auf Ergebnisse eigener wissenschaftlicher Untersuchungen bezieht.

Rehabilitatives arbeitsorientiertes Training

Patienten:Patientinnen mit besonderen psychosozialen bzw. beruflichen Problemen können in das rehabilitative arbeitsorientierte Training (R:A:T) aufgenommen werden. Die Betroffenen weisen oft eine überdurchschnittlich lange Krankenstandsdauer auf, sind hohen beruflichen Belastungen ausgesetzt oder haben ihren Arbeitsplatz verloren. Häufig kommen auch psychische Problemlagen dazu.

Das R:A:T weist mehrere Unterschiede zu herkömmlichen medizinischen Therapien auf. Die Dauer des Programms beträgt fix fünf Wochen, am Beginn wird ein verkürzter EFL-Basistest, am Ende eine vollständige EFL-Testung durchgeführt. Der Schwerpunkt liegt auf patienten:patientinnenzentrierter Zielarbeit, arbeitsspezifischem Training und der Stärkung der eigenen Selbstwirksamkeitsmechanismen. Dem R:A:T-Kernteam gehören daher neben Ärzten:Ärztinnen und physio- bzw. ergotherapeutischem Personal auch Mitarbeiter:innen aus den Bereichen Sporttherapie, Psychologie und Sozialberatung an. Zusätzlich können für ein erweitertes Team Pfleger:innen, Entspannungstherapeuten:-therapeutinnen, Konziliarpsychiater:innen und Diätologen:Diätologinnen hinzugezogen werden.

Ziele setzen

Anschließend an den EFL-Basistest am Anfang der Therapie wird der:die Patient:in gebeten, drei bis vier funktionelle Ziele für die Dauer des R:A:T-Programms zu benennen, die er:sie durch die Rehabilitation am Weißen Hof erreichen möchte. Um dieser Zielsetzung Verbindlichkeit zu verleihen, wird sie in einem sogenannten Patienten- bzw. Patientinnenvertrag festgehalten, den der:die Patient:in und ein:e Arzt:Ärztin unterschreiben. Dieser Vertrag ist für alle am R:A:T beteiligten Ärzte:Ärztinnen und Therapeuten:Therapeutinnen einsehbar. Er dient dazu, Fortschritte in der Rehabilitation mit den Zielen abzugleichen und letztere, wenn nötig, umzuformulieren oder zu ergänzen. Bei der Festlegung der Ziele achten Ärzte:Ärztinnen und Therapeuten:Therapeutinnen darauf, dass sich der:die Patient:in einbringt, aber nicht mit unerfüllbaren Erwartungen an die Therapie herangeht. „Manchmal werden unrealistische Ziele formuliert, etwa absolute Schmerzfreiheit. Wir erklären dann, dass der Schmerz nicht in fünf Wochen verschwinden kann“, nennt Schindl eine häufige Fehleinschätzung. Statt Schmerzfreiheit sollte das sichere Funktionieren von Bewegungsabläufen als Ziel definiert werden. Die Funktion, also das Beherrschen von Bewegungsabläufen, die der:die Patient:in am Arbeitsplatz durchführen muss, steht nicht in direktem Zusammenhang mit dem dabei empfundenen Schmerz. So kann man trotz einer geringen Bewegungseinschränkung starke Schmerzen empfinden oder umgekehrt. „Die Schmerzwahrnehmung ist emotional gefärbt und von mehreren Faktoren abhängig“, erklärt Schindl. Einer davon ist das Gefühl, dem Schmerz ausgeliefert zu sein. Trifft das auf eine:n Patientin:Patienten zu, versucht  das behandelnde Team, ihre:seine Selbstwirksamkeit zu stärken. Dabei werden dem:der Patienten:Patientin einfache Strategien vermittelt, die er:sie selbst zur Linderung der Beschwerden einsetzen kann. Um Muskelverspannungen zu lösen, eignen sich z. B. Wärmepackungen. Auch das Anlegen eines TENS-Geräts, dessen elektrische Impulse gegen Nerven-, Muskel- und Gelenkschmerzen helfen, lässt sich leicht erlernen. Zusätzlich wird der:die Betroffene psychologisch und verhaltenstherapeutisch begleitet.

Trainingsablauf

Schindl betont, dass beim rehabilitativen arbeitsorientierten Training die aktive Rolle der Patienten:Patientinnen und der Umgang mit ihnen auf Augenhöhe eine besondere Rolle spielt: „Im Unterschied zu einer herkömmlichen Reha findet die Visite nicht immer im Patientenzimmer statt, wo der:die Patient:in im Bett liegt. Einmal pro Woche sitzt der:die Patient:in gemeinsam mit dem Team an einem Tisch. Dabei wird die Zielerreichung überprüft, gefragt, ob der:die Patient:in z. B. selbst Dehnungs- und Entspannungsübungen oder eine Schmerzbehandlung gemacht hat, und eine etwaige Änderung in der Therapie besprochen.“ Das R:A:T-Training beinhaltet neben herkömmlichen Übungen, etwa an Krafttrainingsgeräten, als zentrales Element das Arbeitssimulationstraining. Dieses findet in den ersten beiden Wochen eine Stunde pro Tag statt, ab der dritten Woche zwei Stunden täglich. Dabei werden jene Arbeitsabläufe geübt, bei denen verletzungsbedingte Defizite bestehen. Der:die Patient:in muss auch komplexe Bewegungen durchführen, was Schindl am Beispiel eines Landschaftsgärtners illustriert: „Der Gärtner simuliert das Einsetzen von Pflanzensetzlingen: in der Hocke, mit Rotation und Neigung des Oberkörpers und einem dem Setzling entsprechenden Gewicht. Dann muss er aufstehen, ein paar Schritte gehen und den Vorgang wiederholen.“

Ein Patient hebt mit gebeugten Beinen und gerader Wirbelsäule eine hölzerne Werkzeugkiste
Die Standard-EFL-Testung beinhaltet 29 verschiedene Funktionen: Diese umfassen unter anderem Hebe- und Tragetests, … Martin Lusser
Ein Patient geht auf die Kamera zu
… Aktivitäten der Fortbewegung … Martin Lusser
Ein Patient bewegt Schachfiguren auf einem kleinen Schachbrett
… und die Testung der Handkraft und der Handgeschicklichkeit. Martin Lusser

Manchmal ist es sinnvoll, den:die Patienten:Patientin durch medizinische oder technische Hilfsmittel zu unterstützen. Im Reha-Zentrum Weißer Hof stehen dabei sowohl einfache Hilfsmittel wie Gelenkmanschetten zur Stabilisierung verletzter Gelenke zur Verfügung als auch typische Hilfsmittel zur Bewältigung von schweren Lasten, etwa ein Hubwagen. Bewährt sich ein getestetes Hilfsmittel, wird die Anschaffung am Arbeitsplatz im abschließenden EFL-Bericht empfohlen. Eine derartige Empfehlung gab es im Fall einer angelernten Arbeiterin in einem Emaillierwerk, die nach einer  Beinverletzung am Weißen Hof aufgenommen wurde. Zu ihren beruflichen Tätigkeiten zählte, 30 kg schwere Kübel mit Emailfarbe quer durch die Produktionshalle zu tragen, um Emaillierwannen zu befüllen. „Sie hat alle für ihre Arbeit erforderlichen Bewegungen ausführen können, außer den schweren Kübel zu tragen. Wir haben im Bericht geschrieben, dass der Patientin ihre angestammte Arbeit zumutbar ist, wenn sie einen Transportwagen bekommt“, schildert Tesak.

Weiterbeschäftigung

Häufig beginnen Unfallopfer, die an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, mit einer geringeren Stundenzahl, die mit der Verbesserung der Leistungsfähigkeit gesteigert wird. Die auf Basis des EFL-Tests formulierte Empfehlung kann auch lauten, dass bestimmte Tätigkeiten nur wenige Stunden am Tag ausgeführt werden sollten. Ob unter diesen Umständen eine Weiterbeschäftigung möglich ist, hängt von den Bedingungen am Arbeitsplatz und der Bereitschaft des:der Arbeitgebers:Arbeitgeberin ab. Lässt sich ein Arbeitsplatzwechsel nicht vermeiden oder ist das Dienstverhältnis bereits gelöst, zeigt der EFL-Test an, welche Fähigkeiten der:die Betroffene mitbringt, die ihn:sie für andere Berufe qualifizieren.

Studien aus Deutschland, die die herkömmliche medizinische Rehabilitation mit einer medizinischen beruflichen Reha ähnlich der am Weißen Hof vergleichen, kommen zu dem Schluss, dass letztere statistisch signifikant bessere Werte in Bezug auf die Rückkehr an den Arbeitsplatz, aber ebenso im Hinblick auf das psychische Wohlbefinden der Patienten:Patientinnen, aufweist. Auch Schindl sieht für Patienten:Patientinnen, die das R:A:T-Training in seinem Haus absolviert haben, gute Chancen, ihre Arbeit wieder aufnehmen zu können.

Zusammenfassung

Im AUVA-Rehabilitationszentrum Weißer Hof überprüft man am Ende der stationären Rehabilitation die Leistungsfähigkeit von Unfallopfern mit Hilfe der Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL). Im Rahmen eines fünfwöchigen rehabilitativen arbeitsorientierten Trainings (R:A:T) üben die Patienten:Patientinnen insbesondere jene Tätigkeiten, die sie an ihrem Arbeitsplatz benötigen. In diesem Programm stellt die patienten-:patientinnenzentrierte Zielerarbeitung einen wichtigen Erfolgsfaktor bei Personen mit besonderen psychischen oder sozialen Problemlagen dar. Es zeigt sich eine deutliche Verbesserung ihrer körperlichen Fähigkeiten. 


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