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AUVA Packen wir’s an!

MSE-Prävention in der Jugend starten

Neben klassischen Präventionsmaßnahmen nutzt die Energie Steiermark Schulungen und Bewegung zur Vorbeugung von MSE bei Lehrlingen.
ein junger Mann arbeitet in einer Werkstätte und feilt ein Stück Metall
Podeste gleichen unterschiedliche Körpergrößen der Lehrlinge an der Werkbank aus. © Energie Steiermark AG

Oft dauert es Jahre, bis sich aus Fehl- und Überbelastungen eine Muskel-Skelett-Erkrankung (MSE) entwickelt. Die Prävention müsse daher schon in der Jugend beginnen, betont Dr. Kurt Leodolter, MSc PHM, von der AUVA-Landesstelle Graz. Der Facharzt für Arbeitsmedizin weiß jedoch auch, wie schwierig es ist, der Zielgruppe diese Botschaft zu vermitteln: „Die Jungen müssen wir über ihre Freude an der eigenen Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit motivieren. Der Hinweis auf eventuelle Krankheitsfolgen in ferner Zukunft erreicht sie nicht.“

Den Weg der Motivation geht auch die Energie Steiermark AG, bei der für Lehrlinge schon seit Jahren Bewegung und Sport auf dem Stundenplan stehen. Das viertgrößte Energie- und Dienstleistungsunternehmen Österreichs bietet Ausbildungen zum:zur Bürokaufmann:-frau, Betriebslogistikkaufmann:-frau, Elektrotechniker:in, Installations- und Gebäudetechniker:in, Maschinenbautechniker:in, Elektrotechniker:in und technischen Zeichner:in an. Derzeit beschäftigt die Energie Steiermark rund hundert Lehrlinge, zirka sechs Prozent davon sind weiblich. Laut Leodolter äußern sich die Lehrlinge bei den Sicherheits- und Gesundheitsschulungen sehr positiv über ihre Lehre. Viele arbeiten daneben freiwillig in verschiedenen Vereinen mit und sind auch sportlich aktiv. Junge Menschen, die sich gerne bewegen, wählen Jobs, bei denen man körperlich belastbar sein muss. Elektrotechniker:innen müssen z. B. auf Masten steigen.

Jugend schützt nicht vor Belastung

Dass Lehrlinge trotz körperlicher Belastungen gesund bleiben, hat in Zeiten eines Facharbeiter:innen-Mangels einen hohen Stellenwert für Unternehmen. Wer auf die Gesundheit seiner Beschäftigten achtet, ist als Arbeitgeber:in attraktiver und findet nicht nur leichter Bewerber:innen, sondern kann die Arbeitskräfte auch im Betrieb halten. Der Energie Steiermark gelingt das, so Sicherheitsfachkraft Ing. Mag. Heimo Pilko, Leiter der Stabsstelle Arbeitspsychologie, klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe: „Zehn bis 20 Jahre Beschäftigung bei der Energie Steiermark sind keine Seltenheit.“

Die Jungen müssen wir über ihre Freude an der eigenen Kraft und Beweglichkeit motivieren. Der Hinweis auf Krankheitsfolgen in ferner Zukunft erreicht sie nicht.

Kurt Leodolter

Tätigkeiten, die langfristig den Bewegungs- und Stützapparat schädigen können, werden bei der Energie Steiermark in der Lehrlingsausbildung vermieden, betont der Leiter der Lehrlingswerkstätte DI (FH) Alexander Krampl: „Für das Heben und Transportieren schwerer Lasten kommen geeignete technische Mittel zum Einsatz, z. B. Stapler oder Hubwagen. Im Bereich der Netztätigkeiten wird, wenn möglich, ein Arbeitskorb verwendet.“ In den ersten zweieinhalb Monaten der Metallgrundausbildung müssen die Lehrlinge oft an der Werkbank stehen. Die Höhe lässt sich verstellen, um Personen unterschiedlicher Körpergröße eine ergonomisch günstige Haltung zu ermöglichen.

Herausfordernd ist die Arbeit für die Lehrlinge trotzdem. „Das Werkzeug, das man für Stördiensteinsätze braucht, z. B. bei einem Leitungsbruch, wiegt zehn, zwölf Kilogramm. Um das tragen zu können, sollte man die entsprechenden körperlichen Voraussetzungen mitbringen“, stellt Pilko fest. Auf Baustellen müssen zum Teil auch schwerere Anlagenteile installiert werden. Wenn Erdkabel verlegt werden, helfen die Lehrlinge beim Kabelziehen und Anschließen mit, wobei sie in der Künette eine hockende oder kniende Haltung einnehmen. Die Lehrlinge sind zu allen Jahreszeiten und bei allen Wetterbedingungen unterwegs, im Winter müssen sie mitunter durch kniehohen Schnee stapfen.

Regelmäßige Schulungen

Zur Prävention von Gesundheitsschäden steht die AUVA dem Unternehmen schon seit Jahren mit Rat und Tat zur Seite. „Wir veranstalten jedes Jahr einen AUVA-Sicherheitstag für Lehrlinge, an dem sie sich bei einem Stationenbetrieb mit unterschiedlichen Themen auseinandersetzen können. Schwerpunkt ist die richtige Verwendung der persönlichen Schutzausrüstung, z. B. muss man beim Besteigen von Masten einen Helm aufsetzen“, erläutert Krampl. Informationen gibt es auch zu Heben und Tragen.

Anlässlich des AUVA-Präventionsschwerpunkts zu Muskel-Skelett-Erkrankungen regte Krampl an, eine Schulung durch die AUVA für Sicherheitsfachkräfte und jene Mitarbeiter:innen, die mit den Lehrlingen arbeiten, anzubieten. Die halbtägige Veranstaltung „Lastenhandhabung und Gefahrenstoffe in der Lehrzeit“ fand am 28. Juni 2021 in Graz statt. Der Fokus lag auf der Erkennung von Risiken für MSE im Rahmen der Arbeitsplatzevaluierung.

ein junger Mann hält ein großes Stück Metall
© Energie Steiermark AG
eine junge Frau und ein junger Mann halten ein großes Sück Metall
© Energie Steiermark AG

In der Lehrwerkstätte der Energie Steiermark AG darf das Erklären der ergonomisch günstigen Haltung auch ein bisschen Spaß machen.

Tätigkeiten, die langfristig den Bewegungs- und Stützapparat schädigen können, werden in der Lehrlingsausbildung vermieden

Alexander Krampl

In einem weiteren Schritt werden die Inhalte, die bei der Schulung vermittelt wurden, intern weitergegeben. In der Folge sollen die Ausbildner:innen die Lehrlinge bei ihrer täglichen Arbeit für mögliche Gesundheitsgefahren sensibilisieren. Genutzt werden auch die in das betriebseigene Lernmanagement-System eingebundenen Unterlagen und die Online-Schulungsangebote der AUVA. Krampl betont den Stellenwert des persönlichen Kontakts: „Nur online zu lernen ist nicht zielführend. Notwendig sind auch die Kommentare der Ausbildner:innen und der AUVA-Experten:-Expertinnen, z. B. am Sicherheitstag für Lehrlinge.“

Prävention schmackhaft machen

Um Lehrlingen Präventionsmaßnahmen nahezubringen, versucht man, die Inhalte so zu verpacken, dass sie interessant und leicht verständlich sind. Gefahren werden mit möglichst plastischen Beispielen aus der Praxis illustriert. „Es geht darum, Hintergrundwissen zu vermitteln und immer eine Erklärung zu liefern. ‚Das machen wir, weil es der Chef gesagt hat‘, reicht nicht aus. Die Jungen müssen einen Sinn in den Maßnahmen sehen“, ist Krampl überzeugt. Damit sei es aber nicht getan, eine wesentliche Rolle spiele die Vorbildwirkung von Vorgesetzten und Ausbildnern:Ausbildnerinnen. Haben die Lehrlinge einmal begonnen, sich mit der Prävention von Muskel-Skelett-Erkrankungen und Unfällen auseinanderzusetzen, überlegen sie selbst, was sie bei der Arbeit anders machen könnten. Leodolter hat beobachtet, dass die jungen Mitarbeiter:innen auch voneinander lernen: „Die Beteiligung der Jungen in Form von Peer-to-Peer-Education stößt bei ihnen auf große Resonanz. Die Lehrlinge analysieren z. B. ihre eigenen Unfälle, das sind vor allem kleine Schnittverletzungen an der Hand, meist durch Abrutschen mit dem Schraubendreher. Sie reden darüber, wie man solche Unfälle verhindern kann.“ An der Präventionsarbeit sind bei der Energie Steiermark Lehrlingsausbildner:innen, Arbeitsmediziner:innen und Arbeitspsychologen:-psychologinnen beteiligt. Pilko, der als Vorsitzender der Arbeitsgruppe Arbeits- und Organisationspsychologie des Forums Prävention der AUVA fungiert, weist auf den Stellenwert der Arbeitspsychologie hin: „Meistens werden nur die physischen Ursachen für MSE bekämpft, aber Rückenschmerzen sind zu rund 70 Prozent psychisch bedingt.“ Psychische Probleme können auch bei jungen Menschen zu körperlichen Beschwerden führen.

Lehrlingssport 

Eine positive Wirkung, sowohl physisch als auch psychisch, hat sportliche Betätigung. Bei der Energie Steiermark wird Bewegung regelmäßig in den Arbeitsalltag eingebaut. Jeden Tag in der Früh machen die Lehrlinge 20 Minuten Morgensport, der Mobilisation, Kräftigung, Ausdauertraining und Dehnungsübungen umfasst. Der tägliche Sport zählt zur Arbeitszeit. Wenn der:die Ausbildner:in etwas später kommt, beginnen die Lehrlinge selbständig mit den Übungen. Daran sieht man, wie sehr sich die morgendliche Bewegungseinheit bereits zu einer liebgewonnenen Gewohnheit entwickelt hat.

Jeden Freitag stehen eineinhalb Stunden Lehrlingssport auf dem Programm. Damit niemand über- oder unterfordert ist, werden die Lehrlinge in Gruppen eingeteilt, die – jeweils den individuellen konditionellen Voraussetzungen entsprechend – walken, langsamer oder schneller laufen. Wahlweise kann auch Fußball gespielt werden. Der Mannschaftssport fördert das Gemeinschaftsgefühl. Die Freude der Lehrlinge war groß, als nach der coronabedingten Sportpause zuerst das Laufen, später auch das Fußballspielen wieder aufgenommen werden konnte.

Zusätzlich zu den täglichen und wöchentlichen Sporteinheiten bietet die Energie Steiermark Schi- und Erlebnistage an. „Größere Lehrwerkstätten haben den Vorteil, dass sie schulähnlicher sind und Sport in den Lehrbetrieb integrieren können“, so Leodolter. Gibt es diese Möglichkeit in einem Betrieb nicht, müssen die Jugendlichen selbst für ausreichend Bewegung sorgen. „Wenn man einen jungen Menschen dafür begeistern kann, regelmäßig zu trainieren, z. B. in einem Verein, hat man im Sinn der Prävention schon gewonnen“, betont der Arbeitsmediziner.

Schwerpunkt des Arbeitsinspektorats

Nicht in allen Unternehmen wird so viel für den Schutz von Lehrlingen vor MSE getan. Die MSE-Prävention bei jungen Arbeitnehmern:Arbeitnehmerinnen zu verbessern, war ein Anliegen der Kampagne der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) „Gesunde Arbeitsplätze – Entlasten Dich!“ von 2020 bis 2022, an der sich neben der AUVA auch das Arbeitsinspektorat beteiligte. Dieses überprüfte im Rahmen eines Beratungs- und Kontrollschwerpunkts Arbeitsplätze von Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 24 Jahren.

ein junger Mann hält eine Feile in seiner Hand
© Energie Steiermark AG
Eine junge Frau feilt ein Stück Metall
© Energie Steiermark AG

Dabei setzte sich das Arbeitsinspektorat zum Ziel, junge Arbeitnehmer:innen vor Überbelastungen zu schützen. Sie sollen zum Thema MSE-Prävention informiert und unterwiesen werden, um langfristig die Entstehung von Gesundheitsschäden zu vermeiden. Zentral ist dabei die Verbesserung des Informationsstands der Arbeitgeber:innen und Arbeinehmer:innen. Bei ihren Besuchen initiierten die Arbeitsinspektoren:-inspektorinnen die Evaluierung von Arbeitsplätzen hinsichtlich der Belastungen des Muskel-Skelett-Apparats oder verbesserten bestehende Arbeitsplatzevaluierungen.

Die Beratungen und Kontrollen wurden durch Experten:Expertinnen des Arbeitsinspektorats für die Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen durchgeführt. Es fanden Betriebsbesuche in Lehrbetrieben statt, in denen eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, dass bei jungen Arbeitnehmern:Arbeitnehmerinnen übermäßige Belastungen des Muskel- und Skelettapparats auftreten, insbesondere durch Heben und Tragen, Tätigkeiten mit Haltearbeit oder in Zwangshaltung. Die Experten:Expertinnen besichtigten 485 Arbeitsplätze jugendlicher und junger Arbeitnehmer:innen. Bei den Kontrollen wurden gesamt 2.768 einzelne Tätigkeiten betrachtet, mit denen 3.550 Arbeitnehmer:innen beschäftigt waren.

Zu den besonders betroffenen Branchen zählen Bau und Baunebengewerbe, Logistik, (Groß-)Handel, Verteilzentren, Baumärkte, Elektrohandel, Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen, Küchen, Nahrungsmittelherstellung, Möbeltischlereien sowie Metall- und Kunststofferzeugung bzw. -verarbeitung. Verstärktes Augenmerk wurde auf größere Ausbildungsbetriebe und überbetriebliche Ausbildungseinrichtungen gelegt.

Portraitfoto Heimo Pilko
Sicherheitsfachkraft Ing. Mag. Heimo Pilko (Leiter der Stabsstelle Arbeitspsychologie, klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe) hat die MSE-Präventionsmaßnahmen für Lehrlinge in der Energie Steiermark mitentwickelt. © Energie Steiermark AG
Portraitfoto Ernst Piller
DI Ernst Piller, Leiter der Abteilung Technischer Arbeitnehmerschutz des Zentral-Arbeitsinspektorats © R. Reichhart
Portraitfoto Kurt Leodolter
Dr. Kurt Leodolter, MSc PHM, Facharzt für Arbeitsmedizin in der AUVA-Landesstelle Graz © R. Reichhart

Checkliste 

Für den Beratungs- und Kontrollschwerpunkt hat das Arbeitsinspektorat in Kooperation mit der AUVA eine Checkliste erstellt. „Die Checkliste enthält mess- und beurteilbare Parameter sowie Beispiele typischer Tätigkeiten und Angaben zur betroffenen Körperregion“, erklärt DI Ernst Piller, Leiter der Abteilung Technischer Arbeitnehmerschutz in der Sektion II – Arbeitsrecht und Zentral-Arbeitsinspektorat. Das Besondere an dieser Checkliste ist eine Unterscheidung der Belastungsgrenzen bei Erwachsenen bzw. bei Jugendlichen. So wird etwa das Gewicht der Last, die Dauer der Tätigkeit oder die Anzahl der Wiederholungen bei Jugendlichen anders bewertet. „Die Parameter sind keine Grenzwerte im üblichen Sinn, bei deren Überschreitung über kurz oder lang eine Erkrankung auftreten kann, sondern nur das Signal dafür, sich den Arbeitsplatz und die Tätigkeiten aus präventiver Sicht anzusehen. Andererseits kann aber sehr wohl gesagt werden, dass bei Unterschreitung der Parameter mit großer Wahrscheinlichkeit keine langfristigen Schäden zu erwarten sind“, so Piller. Stellen die Arbeitsinspektoren:-inspektorinnen Risikofaktoren für MSE fest, beraten sie den:die Arbeitgeber:in, damit die Belastungen und die daraus resultierenden Beanspruchungen evaluiert und Maßnahmen gesetzt werden. Ergibt sich laut Checkliste eine Unterschreitung der Parameter, besteht kein Handlungsbedarf für das Arbeitsinspektorat und den:die Arbeitgeber:in.

Zusammenfassung

Es dauert oft Jahre, bis sich aus Fehl- und Überbelastungen eine Muskel-Skelett-Erkrankung entwickelt, daher sollte die Prävention schon in der Jugend beginnen. Sportangebote motivieren junge Menschen am besten, auf die Gesundheit ihres Bewegungs- und Stützapparats zu achten. Beim Good-Practice-Unternehmen Energie Steiermark steht täglich Lehrlingssport auf dem Programm. Um Überbelastungen am Arbeitsplatz rechtzeitig zu erkennen, verwendet das Arbeitsinspektorat eine gemeinsam mit der AUVA entwickelte Checkliste, die unterschiedliche Belastungsgrenzen bei Erwachsenen und Jugendlichen angibt. 


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