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AUVA kommt gut an!

Blickbewegungsanalysen im innerbetrieblichen Verkehr Mit den Augen eines:einer Staplerfahrenden

Unaufmerksamkeit ist nicht nur im Straßenverkehr Unfallursache Nummer eins. Auch im innerbetrieblichen Verkehr führen Ablenkung und falsche Gefahreneinschätzung zu – vermeidbaren – Unfällen. Mithilfe eines Eyetracking-Systems erfassen die Arbeitspsychologen:-psychologinnen der AUVA Aufmerksamkeit und Wahrnehmung von Staplerfahrenden und leiten daraus Präventionsmaßnahmen für ein höheres Maß an Sicherheit im innerbetrieblichen Verkehr ab.
Gabelstaplerfahrer fährt mit hoher Geschwindigkeit durch eine Lagerhalle
Adobe Stock, AUVA

Jeden Tag ereignen sich in Österreichs Betrieben mit AUVA-Versicherten durchschnittlich zwei bis drei Unfälle mit Hub- oder Gabelstaplern. Jeden dritten Tag zieht einer dieser Unfälle eine schwere Verletzung wie eine Fraktur nach sich. Die genauen Ursachen für Unfälle im innerbetrieblichen Verkehr werden – im Gegensatz zum Straßenverkehr – nicht immer systematisch erhoben und Präventionsangebote sind in vielen Betrieben noch unbekannt. Mit dem AUVA-Präventionsschwerpunkt „Komm gut an!“, der auf die Reduktion von Unfällen aller Art im Bereich Verkehr abzielt, soll diese Lücke geschlossen und der Prävention von Unfällen auch im innerbetrieblichen Verkehr ein höherer Stellenwert beigemessen werden. Eines der Präventionsangebote der AUVA stellt der Einsatz eines mobilen Eyetracking-Systems dar. Dieses wurde während der letzten vier Jahre bereits in einer Vielzahl von Betrieben erfolgreich angewandt. Der vorliegende Bericht soll in das Thema Eyetracking einführen und zeigt die praktische Anwendung in Form von Beispielen.

Unaufmerksamkeit ist Unfallursache Nr. 1

In der Prävention von Verkehrsunfällen konzentriert man sich in den letzten Jahren stark auf ein Thema: Unaufmerksamkeit. Ablenkung und Unaufmerksamkeit werden als Nummer eins aller Unfallursachen im Straßenverkehr gesehen und sind verantwortlich für ca. 150 tödliche Verkehrsunfälle pro Jahr in Österreich.

Aufmerksamkeit als ein mit Modellen gut erklärbarer, aber an sich ‚unsichtbarer‘ Prozess kann mit technischen Hilfsmitteln wie Blickbewegungsbrillen, auch Eyetracking-Systeme genannt, gut sichtbar gemacht werden.

Sylvia Peißl

Unaufmerksamkeit dürfte aber nicht nur auf öffentlichen Straßen eine Rolle spielen, sondern etwa auch am Werksgelände von vielen Betrieben bzw. im innerbetrieblichen Verkehr. Hier kommt noch verschärfend hinzu, dass neben zu Fuß gehenden Personen und Lastkraftwagen oft auch selbstfahrende Arbeitsmittel wie Hubstapler oder Radlader am Werksgelände unterwegs sind. Nicht selten kommt es vor, dass zu Fuß Gehende mit einem Hubstapler kollidieren und hierbei schwere Verletzungen davontragen. Arbeitsunfälle aufgrund von Unaufmerksamkeit und falscher Gefahreneinschätzung sind in vielen Fällen vermeidbar. Ein wichtiger Ansatzpunkt in der Prävention ist neben dem Entschärfen von Gefahrenstellen die Sensibilisierung aller Verkehrsteilnehmer:innen. Staplerfahrende müssen wissen, was Ablenkung bewirkt, also beispielsweise, welchen Weg sie während des Blicks auf ihr Mobiltelefon mit dem Stapler zurücklegen. Aber auch Personen ohne Staplerschein, die beispielsweise zu Fuß am Werksgelände unterwegs sind, brauchen die Information, dass das Sichtfeld von mit Staplern fahrenden Personen massiv eingeschränkt sein kann. Erst dann achten sie etwa bewusster auf einen rückwärtsfahrenden Stapler. 

Ziele der Unfallverhütung im innerbetrieblichen Verkehr sollten somit einerseits das Erkennen und Entschärfen von Gefahrenstellen und andererseits die Sensibilisierung aller Verkehrsteilnehmer:innen bzw. Mitarbeiter:innen sein. Beide Ziele können mittels einer Methode erreicht werden: dem Einsatz einer Eyetracking-Brille. 

Frau öffnet von außen eine Türe, der kleine Aufmerksamkeitsbereich ist eingekreist
Abbildung 1: Darstellung des Aufmerksamkeitsbereichs mittels eines gelben Kreises; kleiner Kreis = fovealer Bereich (2 Grad), großer Kreis = parafovealer Bereich (10 Grad) Adobe Stock, AUVA

Eyetracking und Psychologie

Die Psychologie befasst sich unter anderem mit den kognitiven Prozessen des Menschen. Dazu zählen neben den Prozessen Denken, Gedächtnis und Sprache auch die Prozesse Aufmerksamkeit und Wahrnehmung. Aufmerksamkeit als ein mit Modellen gut erklärbarer, aber an sich „unsichtbarer“ Prozess kann mit technischen Hilfsmitteln wie Blickbewegungsbrillen, auch Eyetracking-Systeme genannt, gut sichtbar gemacht werden. Einfach erklärt, messen Eyetracking-Systeme mithilfe von Kameras exakt die Pupillenbewegungen des Menschen und können damit die Blickrichtung und die Lenkung der Aufmerksamkeit darstellen. Heutzutage gebräuchliche mobile Systeme sind oft in Brillen verbaut. Praktisch sitzen in solch einer Brille mehrere Kameras, die sowohl die Umgebung als auch die Pupillen der Person aufzeichnen, die die Brille trägt. Das Endprodukt einer Aufzeichnung ist ein Video mit einer großen Datenmenge im Hintergrund. Auf dem Video wird meist mit einem Kreis oder Punkt dargestellt, wohin die jeweilige Person schaut, was sie wahrnimmt und was nicht. Eine Begehung sieht man somit aus den Augen des Gehenden, eine Staplerfahrt aus den Augen des:der Fahrenden. Auf Abbildung 1 ist gut zu erkennen, dass die Person kurz vor Öffnen der Türe steht und die Aufmerksamkeit auf der Türschnalle bzw. dem Türrahmen liegt.

Mann trägt Brille
Abbildung 2: Das Viewpointsystem Adobe Stock, AUVA
Sicht aus einem Stapler, Blick auf eine Kappe, die viel von der Sicht verdeckt
Abbildung 3a: Sicht aus Stapler bei Rückwärtsfahrt, Mitarbeiter verdeckt Adobe Stock, AUVA
Sicht aus einem Stapler, ein LKW fährt vorbei. Der Blick des bzw. der Fahrenden schweift ab und kehrt dann wieder zurück zu den Kisten.
Abbildung 4: Ablenkung durch vorbeifahrenden Lkw Adobe Stock, AUVA
Sicht aus einem Stapler, Blick auf eine Kappe, die viel von der Sicht verdeckt. Ein Mann steht im Hintergrund
Abbildung 3b: Sicht aus Stapler bei Rückwärtsfahrt, Mitarbeiter zu sehen Adobe Stock, AUVA
Man sieht Kisten fallen
Abbildung 5: Die fallende Kiste infolge der Ablenkung Adobe Stock, AUVA

Die Aufzeichnungen im Detail

Für die dargestellten Messungen verwendet wurde ein mobiles Eyetracking-System (VPS 16) der Firma Viewpointsystem GmbH, Wien (Abbildung 2). Die Aufnahme der Blickbewegungen erfolgte hierbei binokular, beide Augen wurden aufgezeichnet. Für die Analyse der Blickbewegungen wurde die Eyetracking-Software Fact Finder der Viewpointsystem GmbH verwendet. Ein kurzer Einblick in die Statistik der Aufzeichnungen im Zuständigkeitsbereich der AUVA-Landesstelle Graz: Blickbewegungs-Aufzeichnungen fanden in 22 Betrieben in 29 Arbeitsstätten statt. Die ersten Messungen starteten im März 2018. Verteilt auf einen Zeitraum von vier Jahren wurden so die Blickbewegungen von mehr als 100 Personen an den unterschiedlichsten Arbeitsplätzen – hauptsächlich im innerbetrieblichen Verkehr - aufgezeichnet.

Für die Aufzeichnungen wurden in der Regel Arbeitssituationen ausgewählt, die besonders unfallkritisch waren, wie z. B. das Be- und Entladen eines Lastkraftwagens bei gleichzeitigem Kreuzen eines Gehweges. Aufgezeichnet wurde die normale Tätigkeit des:der Fahrenden an diesem Arbeitsplatz für die Dauer von maximal 30 Minuten. Im Anschluss an die Aufzeichnungen wurde das Material gemeinsam mit allen mit Arbeitssicherheit (sowie Logistik) betrauten Personen durchgesehen und kurze Sequenzen wurden extrahiert. Zu kritischen Sequenzen wurde eine Maßnahme zur Entschärfung der Situation festgelegt. Die Sequenzen sowie der Maßnahmenplan wurden in weiterer Folge der Geschäftsführung bzw. den zuständigen Führungskräften präsentiert. Eine Auswahl des Bildmaterials floss in vielen Fällen in Mitarbeiter:innenschulungen mit dem Ziel einer Sensibilisierung für Gefahrensituationen ein. 

Praxisbeispiele

Im Zuge der Aufzeichnungen wurden, wie bereits angesprochen, häufig kritische Situationen bzw. potenziell kritische Situationen aufgedeckt. Nach Möglichkeit wurden diese sofort entschärft oder alternativ die nächsten Schritte in einem Maßnahmenplan festgehalten. An dieser Stelle sollen drei Beispiele dargestellt werden, die in Betrieben aufgezeichnet wurden. Solche oder ähnliche Situationen waren bei den durchgeführten Aufzeichnungen keine Seltenheit.

Beispiel 1:

Ein Staplerfahrer hatte im vorderen Bereich seines Arbeitsmittels einen stetig baumelnden Wunderbaum montiert und im hinteren Bereich eine Schildkappe befestigt. Im normalen Fahrbetrieb wurden weder Wunderbaum noch Schildkappe als störend empfunden. Im Zuge der Blickbewegungsmessungen stellte sich aber heraus, dass der Wunderbaum ganze Personen verdecken konnte, und auch die Kappe versperrte bei der Rückwärtsfahrt die Sicht des Fahrers (siehe Abbildung 3a und 3b). Beim Zusammentreffen von mehreren ungünstigen Faktoren kann so schnell ein Arbeitsunfall passieren und ein:e Mitarbeiter:in übersehen werden. Die Schwachstelle wurde behoben, indem der Wunderbaum etwas höher gehängt und die Schildkappe entfernt wurde. 

Beispiel 2: 

Ein Staplerfahrer hatte die Aufgabe, Paletten mit gestapelten Kisten aufzuladen. Dabei verlor eine der Kisten das Gleichgewicht und fiel auf den Boden. Die Auswertung des Eyetracking-Videos ergab, dass der Staplerfahrer unmittelbar vor dem Absturz der Kiste einen Lastkraftwagen fixiert hatte, der neben dem Lagerplatz vorbeigefahren war (Abbildung 4 und Abbildung 5). Sollten derartige Ablenkungen häufiger vorkommen, wäre eine denkbare Maßnahme die Verlegung des ablenkenden Verkehrsweges. Auf mehreren Videos unterschiedlicher Betriebe war gut zu erkennen, dass Zulieferwege von Lkw nicht immer optimal gewählt waren und diese beispielsweise Fußwege kreuzten. In einigen Betrieben gab es diesbezügliche Änderungen nach der Auswertung der Eyetracking-Daten.

Beispiel 3: 

Auf Abbildung 6 ist zu erkennen, wie wichtig das Tragen von Warnwesten am Betriebsgelände ist. Ohne eine Warnweste würde die Person (in der rechten Hälfte des Bildes) mit dem Hintergrund verschmelzen und wäre für die:den Fahrende:n kaum zu sehen. Erschwerend kommen in diesem Fall das Gitter des Langholzmanipulationsgerätes und die Wetterverhältnisse dazu.

Fazit 

Warum passieren Staplerunfälle? Statistische Daten hierzu sind rar. Es ist bekannt, wie viele Unfälle passieren und welche Verletzungen daraus resultieren, aber nicht, worin die genauen Unfallursachen liegen. Die bereits durchgeführten betrieblichen Blickbewegungsmessungen haben gezeigt, dass Ablenkung und Unaufmerksamkeit auch im innerbetrieblichen Verkehr eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielen. Mithilfe von Eyetracking lassen sich allerdings nicht nur Ablenkungs-Situationen darstellen, sondern auch eine Vielzahl weiterer potenziell gefährlicher oder kritischer Situationen erkennen. Durch das rechtzeitige Setzen von Maßnahmen kann so der eine oder andere Unfall verhindert werden. Als besonders wertvoll hat sich auch die Sensibilisierung von Mitarbeitern:Mitarbeiterinnen durch die Präsentation der Viewpoint-Sequenzen im Rahmen von Schulungen gezeigt. „Nicht-Staplerfahrende“ konnten den Betrieb dadurch mit den Augen eines:einer Staplerfahrenden sehen. Vielen Personen war eine Sichteinschränkung vom Sitz des Staplers aus bis zum Zeitpunkt der Schulung nicht bewusst und sie gaben an, sich in Zukunft aufmerksamer am Werksgelände zu bewegen. Auch die Darstellung von sekundenlangen Ablenkungen, wie der Blick auf das Handy bei gleichzeitiger Fahrt, schockierte den:die einen:eine oder anderen:andere Schulungsteilnehmer:in. Dies lässt hoffen, dass die Erkenntnis der Gefährlichkeit von Ablenkungen auch auf die nächste Autofahrt übertragen wird und auch dort bewusster auf ablenkende Geräte und Situationen verzichtet wird.

Blick aus einem Langholzmanipulationsgerät, der kleine Aufmerksamkeitsbereich ist eingekreist
Abbildung 6. Sicht aus Langholzmanipulationsgerät, Bedeutung von Warnwesten Adobe Stock, AUVA

Zusammenfassung

In zahlreichen Betrieben wurde ein Eyetracking-System bereits zur Erfassung der Augenbewegung eingesetzt. Die so gewonnenen Daten dienten als Grundlage für Präventionsmaßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit im innerbetrieblichen Verkehr.


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