Berufskrankheiten
Fokale Dystonie bei Instrumentalmusikern:-musikerinnen
Mit der Erneuerung der Berufskrankheitenliste 2024 wurde die Fokale Dystonie bei Instrumentalmusikern:-musikerinnen, kurz Musiker:innen-Dystonie (MD), aufgenommen. In Deutschland gilt sie seit 2017 als Berufskrankheit, insgesamt 17 Fälle wurden in den Jahren 2022 bis 2024 anerkannt.
Die Musiker:innen-Dystonie ist eine Bewegungsstörung, die bei bestimmten Bewegungsaufgaben auftritt. Sie wird als Berufskrankheit anerkannt, wenn über viele Jahre intensiv ein Instrument gespielt wird und dabei immer wieder sehr präzise feinmotorische Bewegungen ausgeführt werden. Besonders gefährdet sind Musiker:innen, die professionell und auf hohem Niveau spielen – etwa im Solo- oder Konzertbereich, wo tägliches Üben über mehrere Stunden über das ganze Jahr erforderlich ist.
Die Musiker:innen-Dystonie ist eine neurologische Erkrankung, bei der es zu unkontrollierten Verkrampfungen kommt, sobald bestimmte Spielbewegungen ausgeführt werden. Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt, aber es gibt bekannte Risikofaktoren. Dazu gehören wiederholte, sehr präzise Bewegungen, ein plötzliches starkes Erhöhen der täglichen Übungszeit, eine abrupte Änderung der Spieltechnik, genetische Einflüsse, ein später Beginn des Instrumentalspiels, anatomische Besonderheiten, Verletzungen sowie psychische Faktoren wie perfektionistische Persönlichkeitsmerkmale.
Die Symptome der Krankheit treten in der Regel nur während des Musizierens auf. Alltägliche Bewegungen sind normalerweise nicht betroffen. Häufig sind die Finger, die Hand oder bei Bläsern:Bläserinnen die Embouchure* betroffen. Bei Bläsern:Bläserinnen wird diese Bewegungsstörung auch als
Ansatzdystonie bezeichnet.
Bei fortgeschrittener Musiker:innen-Dystonie treten häufig unkontrollierte Bewegungen wie das Einrollen oder Strecken einzelner Finger sowie ungewöhnliche Handgelenkshaltungen auf. Begleitend können Zittern und in seltenen Fällen auch Beteiligungen der Oberarmmuskulatur vorkommen. Stress kann die Symptome verstärken. Anfangs zeigt sich die Störung meist als Ungeschicklichkeit beim Spielen bestimmter Passagen, die sich später auf weitere Spielsituationen und ähnliche Tätigkeiten ausdehnen kann. Im Verlauf verlieren Betroffene die Kontrolle über feinmotorische Bewegungen am Instrument, was zu erheblichen beruflichen Einschränkungen führt. Schätzungen zur Berufsunfähigkeit liegen zwischen 25 % und 50 %.
Diagnose
Die Diagnose einer Dystonie erfolgt in erster Linie anhand der Symptome: anhaltende Verkrampfungen, die die Funktion einschränken oder unmöglich machen. Eine Elektromyografie (EMG) kann die Diagnose unterstützen, indem sie zeigt, dass Gegenspielermuskeln gleichzeitig aktiv sind. Einen eindeutigen Test gibt es jedoch nicht – die Erfahrung des:der Arztes:Ärztin ist daher entscheidend. Wichtig ist auch eine Untersuchung direkt am Instrument.
Wer ist betroffen von der Musiker:innen-Dystonie?
Die Krankheit betrifft Spieler:innen von Tasten-, Streich-, Zupf-, Blas- und Schlaginstrumenten, besonders häufig Pianisten:Pianistinnen, gefolgt von Holzbläsern:-bläserinnen, Gitarristen:Gitarristinnen, Blechbläsern:-bläserinnen und Streichern:Streicherinnen. Sie tritt bei Profimusikern:-musikerinnen meist um das 38. Lebensjahr auf; Frauen sind bei der Erstmanifestation im Schnitt jünger. Männer sind deutlich häufiger betroffen (75–88 %). Entscheidend für die Entstehung ist die kumulative Übungsdauer, meist über 10.000 Stunden (mindestens 5.000). Die Erkrankung beginnt oft nach intensiven Übephasen oder Technikänderungen, manchmal nach Verletzungen. Weitere Risikofaktoren wie spätes Eintrittsalter wurden bereits erwähnt. Am häufigsten betroffen ist die Extremität mit der höchsten feinmotorischen Belastung.
In Deutschland wird die Prävalenz der Musiker:innen-Dystonie auf etwa 1 % der Berufsmusiker:innen geschätzt. Die Fokale Dystonie tritt bei Berufsmusikern:-musikerinnen etwa 100-mal häufiger auf als in der allgemeinen Bevölkerung.
Behandlung
Eine ursächliche Therapie der Musiker:innen-Dystonie gibt es derzeit nicht, aber verschiedene symptomorientierte Ansätze können helfen. Dazu gehören Medikamente (z. B. Anticholinergika), Botulinumtoxin-Injektionen unter Ultraschallkontrolle und langwieriges Retraining zum Neulernen von Bewegungsmustern. Ergonomische Hilfen wie Fingerschienen können zusätzlich unterstützen. Die Behandlung ist komplex und erfordert spezialisierte Neurologen:Neurologinnen und Therapeuten:Therapeutinnen sowie ein individuell abgestimmtes Vorgehen. Da eine vollständige Heilung selten ist, wird jüngeren Betroffenen oft geraten, sich beruflich breiter aufzustellen, etwa durch pädagogische Tätigkeit oder den Wechsel des Instruments.
Präventive Maßnahmen
Auf primäre Präventionsmaßnahmen, die beeinflussbaren Risikofaktoren gelten, sollte besonderes Augenmerk gelegt werden, indem von frühester Kindheit an verschiedene und abwechslungsreiche Übungsstrategien vermittelt werden. Zudem sollte eine plötzliche übermäßige Erhöhung der täglichen Übungszeit vermieden werden. Zusätzlich sollten die Präventionsstrategien schon in der Ausbildung junger Berufsmusiker:innen eingeführt werden und auf ein gesundes Arbeitsverhalten und Selbstmanagement hinwirken. Die Ausbildung sollte auf einen unterstützenden Unterricht ausgerichtet sein.
Literatur
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Zusammenfassung
Die äußerst komplexen Anforderungen an Musiker:innen können zu motorischen Störungen des Zentralnervensystems führen. Diese sind durch den Verlust der feinmotorischen Kontrolle langgeübter Bewegungen am Musikinstrument gekennzeichnet. Die Diagnose wird klinisch durch einen:eine geschulten:geschulte Neurologen:Neurologin gestellt. Da eine vollständige Heilung derzeit überwiegend nicht möglich ist, kommt der Prävention eine besondere Bedeutung zu.