Gewaltprävention
Virtual-Reality-Training für sicheres Handeln
Ob Zivilcourage im öffentlichen Raum, sensibler und adäquater Umgang mit Diskriminierung oder empfehlenswertes Verhalten bei Übergriffen im Berufsalltag: Mit Virtual-Reality-Trainings lassen sich kritische Situationen realitätsnah, gefahrlos und nachhaltig trainieren.
Neue Technologien verändern nicht nur die Art, wie Menschen lernen und arbeiten, sondern auch, wie sie sich auf kritische Situationen vorbereiten können. Besonders im Bereich der Prävention eröffnet Virtual Reality (VR) neue Möglichkeiten, sicherheitsrelevantes Verhalten realitätsnah zu trainieren. Die Anwendungsmöglichkeiten sind dabei vielseitig: ob beim Umgang mit Gefahrensituationen, bei sozialem Konfliktverhalten oder in der Ausbildung von Einsatzkräften. Immersive Trainingsumgebungen schaffen Räume, in denen Fehler erlaubt und Lernprozesse nachhaltig wirksam sind.
VR bietet eine umfassende sensorische Stimulation, da visuelle, auditive und taktile Reize unterschiedliche Lernstile ansprechen[1]. Im Unterschied zu klassischen Schulungen können gefährliche oder schwer zugängliche Situationen risikofrei simuliert werden. Teilnehmer:innen erleben, analysieren und reflektieren Handlungen unmittelbar. Das ist ein entscheidender Vorteil gegenüber konventionellem Training, das oft theoretisch, abstrakt oder stark standardisiert ist.
Ein wesentlicher Mehrwert von VR liegt in der Möglichkeit, kritische Szenarien gefahrlos zu erproben. Ob Notfalleinsatz, Evakuierung oder soziale Konfliktsituation – VR ermöglicht das wiederholte Durchspielen komplexer Handlungsabläufe, ohne reale Schäden zu riskieren. Das stärkt Handlungssicherheit und situatives Bewusstsein.
Auch für Trainer:innen ergeben sich neue Perspektiven, sie können Blickverläufe, Reaktionszeiten und Bewegungsmuster nachvollziehen und auswerten. Das erlaubt individuelles Feedback, das sowohl fachliche als auch emotionale Aspekte des Lernens berücksichtigt[2].
Studien zeigen, dass VR-Trainings die Aufmerksamkeitsspanne erhöhen, den Lernerfolg verbessern und sich positiv auf die Motivation auswirken[3],[4]. Szenarienbasiertes Lernen in immersiven Umgebungen fördert die Übertragung des Gelernten in die Praxis[5]. Damit wird VR zu einer wichtigen Technologie für Prävention und Sicherheitstrainings, die Einsatzbereiche erstrecken sich von der Arbeitswelt bis hin zu unterschiedlichen sozialen Handlungsfeldern.
Mut zeigen und Zivilcourage trainieren
Zivilcourage ist ein zentrales Element gesellschaftlicher Prävention. Sie trägt dazu bei, Gewalt, Diskriminierung und Ungerechtigkeit frühzeitig zu begegnen. Doch Zivilcourage zu zeigen, erfordert Mut, Empathie und Handlungswissen. Diese Kompetenzen lassen sich nicht allein durch theoretische Unterweisung aneignen.
Das österreichische Forschungsprojekt CATRINA (Courage Activation Research and Influencing Factors for Taking Action; www.catrina.at, gefördert von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG), widmete sich der Frage, wie sich Zivilcourage gezielt fördern lässt, insbesondere durch digitale und spielerische Ansätze. Gemeinsam setzten sich AIT – Austrian Institute of Technology GmbH, FH Oberösterreich, ZIMD – Zentrum für Interaktion, Medien & soziale Diversität, Rudy Games, City Games Vienna und SOS Menschenrechte in CATRINA dafür ein, insbesondere junge Erwachsene dazu zu motivieren, in schwierigen Situationen nicht passiv zu bleiben, sondern aktiv einzuschreiten.
CATRINA entwickelte drei innovative Spielkonzepte:
- Ein Virtual-Reality-Spiel lässt Teilnehmer:innen in ein Szenario eintauchen, in dem Zivilcourage gefragt ist. Im Mittelpunkt steht eine Zeitungsverkäuferin, die vor einem Supermarkt beschimpft wird. Im simulierten Szenario können die Spieler:innen nahezu lebensecht eingreifen und den Verlauf über Blick- und Hand-Interaktionen steuern.
- Ein Urban Game nutzt reale Stadträume als Lernfeld. Über einen Telefonanruf wird ein Abenteuer gestartet, das zivilcouragiertes Handeln erfordert. Per Handytastatur können die Teilnehmer:innen Entscheidungen treffen und verschiedene Handlungsoptionen auswählen, um die Situation erfolgreich zu meistern.
- Das hybride Spiel verbindet klassische Kartenspielmechaniken mit digitalen Komponenten über eine App auf Smartphone oder Tablet. Zu Beginn wird eine Situation eingeleitet, die zivilcouragiertes Handeln erfordert. Bis zu acht Teilnehmer:innen können durch geschicktes Ausspielen der Handkarten gemeinsam Entscheidungen treffen und die Situation erfolgreich bewältigen.
Diese unterschiedlichen Formate ermöglichen es, Zivilcourage gefahrlos zu erproben und reflektiert zu erleben, wie das eigene Handeln auf andere wirkt. Damit werden Hemmschwellen abgebaut und Handlungskompetenzen gestärkt.
Ein zentrales Anliegen im Projekt CATRINA war die diversitätssensible Gestaltung der Lerninhalte. Spiele sollen keine diskriminierenden Stereotype reproduzieren, sondern unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar machen. Die Ergebnisse zeigen, dass Menschen ohne eigene Diskriminierungserfahrungen besonders stark von den spielerischen Trainings profitieren. Sie gewinnen neue Perspektiven und Verständnis für gesellschaftliche Dynamiken.
Die im Projekt entwickelten Prototypen zeigen, wie digitale Lernformate zur Förderung von sozialer Verantwortung beitragen können. Damit leistet CATRINA einen wichtigen Beitrag zur Prävention durch Bewusstseinsbildung – ein Ansatz, der auch für betriebliche Trainings- und Bildungsmaßnahmen von Interesse ist. Die AIT-Forschungsergebnisse, z. B. von Himmelsbach et al.[6], belegen, dass sich Zivilcourage deutlich von anderen Formen altruistischen Handelns unterscheidet und spezifische Anreize erfordert. Besonders die Dimension der „Relatedness“ – also das Erleben sozialer Verbundenheit mit Betroffenen oder Beobachtenden – erweist sich als zentral, um Personen zu mutigem Einschreiten zu motivieren. Die Studie zeigt, dass bestimmte Game-Experience-Dimensionen – etwa narrative Einbettung, emotionale Involvierung oder situative Perspektivübernahme – als persuasive Strategien wirken können, indem sie diese Verbundenheit stärken und moralische Handlungsmotivation fördern. Diese Erkenntnisse flossen direkt in die Gestaltung der Lernmodule ein: CATRINA nutzte immersive Szenarien, klare Rollenzuschreibungen und sozial resonante Interaktionen, um Verbundenheit, Empathie und Verantwortungsbewusstsein gezielt zu aktivieren – und damit Zivilcourage nicht nur kurzfristig, sondern nachhaltig zu trainieren.
Diversität und Sicherheit im Einsatz
Während Zivilcourage im Alltag von allen Menschen gefordert sein kann, stehen bestimmte Berufsgruppen vor ganz besonderen Herausforderungen. Sie müssen nicht nur diskriminierende oder konfliktgeladene Situationen erkennen und deeskalieren, sondern zugleich unter hohem Zeitdruck sicherheitsrelevant handeln. Genau hier setzt das Forschungsprojekt GAIN (Gender- und diversitätssensibles Antidiskriminierungs- und Empowerment-Training; www.gain-train.at, gefördert von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG) an. Anders als CATRINA, das alltägliche Situationen fokussiert, richtet sich GAIN gezielt an Medical First Responder (MFR), Sanitäter:innen und Rettungskräfte, die als Erste am Einsatzort eintreffen und häufig mit Situationen konfrontiert sind, in denen Zivilcourage und professionelle Handlungssicherheit untrennbar zusammengehören. Das Projektkonsortium (AIT, Johanniter und Usecon) entwickelt daher ein Training, das gezielt auf die realen Anforderungen, Belastungen und Risiken der jeweiligen Berufspraxis zugeschnitten ist.
MFR sind darauf geschult, korrekt und schnell zu handeln. Doch Notfälle folgen selten dem Lehrbuch. Neben Patienten:Patientinnen sind häufig Angehörige, Passanten:Passantinnen oder Schaulustige vor Ort. Stress, Angst oder Unsicherheit können zu Konflikten führen, die den Einsatz erschweren. Studien zeigen, dass MFR immer wieder mit Diskriminierung, Anfeindungen oder sexualisierten Übergriffen konfrontiert sind[7],[8].
Häufig wird weiblichen oder jüngeren Rettungskräften weniger Kompetenz zugeschrieben. Umgekehrt führt das Idealbild des „starken, männlichen Helden“ dazu, dass männliche MFR kaum Schwächen oder Unsicherheiten zeigen dürfen[9]. Diese Stereotype erschweren die Teamarbeit und erhöhen psychische Belastungen.
Bislang konzentrieren sich Aus- und Fortbildungen
für MFR vor allem auf medizinisch-technische Fertigkeiten. In der Ausbildung werden jedoch Aspekte wie der Umgang mit Diskriminierung, Aggression oder verletzenden Kommentaren kaum behandelt. An dieser Stelle setzt das Projekt GAIN an.
GAIN entwickelt VR-gestützte Antidiskriminierungs- und Empowerment-Trainings, die reale Einsatzsituationen simulieren. Die Szenarien basieren auf qualitativen Erhebungen zu vergeschlechtlichten und intersektionalen Herausforderungen, denen MFR begegnen. Dazu gehören zum Beispiel Situationen, in denen Angehörige die körperliche oder fachliche Kompetenz weiblicher MFR infrage stellen, sowie Fälle, in denen MFR sexualisierten oder rassifizierten Kommentaren ausgesetzt sind. In den virtuellen Trainings werden diskriminierende Interaktionen nachgestellt, etwa wenn Hilfe verweigert wird oder verbale Übergriffe stattfinden.
VR ermöglicht, diese Situationen realistisch zu erleben, ohne einer tatsächlichen Gefährdung ausgesetzt zu sein. MFR können Handlungsstrategien ausprobieren, die eigene Kommunikation reflektieren und im geschützten Raum alternative Verhaltensweisen entwickeln.
Parallel zur Szenario-Entwicklung entsteht ein Trainingsprogramm, das beschreibt, wie VR-Module in bestehende Ausbildungsstrukturen eingebettet werden können. Dabei werden didaktische und ethische Rahmenbedingungen ebenso berücksichtigt wie technische und organisatorische Anforderungen.
Das Projekt verfolgt einen intersektionalen Ansatz, da Diskriminierung im Zusammenspiel verschiedener sozialer Merkmale wie Geschlecht, Alter, Herkunft oder körperlicher Verfasstheit entsteht. Ziel ist es, MFR zu befähigen, Diskriminierungen zu erkennen, angemessen darauf zu reagieren und gleichzeitig ihre eigene psychische Stabilität zu wahren.
GAIN leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Sicherheitsforschung, indem es die Handlungssicherheit von Einsatzkräften stärkt, Konflikte reduziert und langfristig zu einer höheren Qualität der medizinischen Erstversorgung beiträgt.
Ausblick – Prävention in der digitalen Zukunft
Die Projekte CATRINA und GAIN zeigen exemplarisch, wie Prävention durch technologische Innovation erweitert werden kann. VR-gestützte Trainings machen es möglich, soziale, emotionale und sicherheitsrelevante Kompetenzen in einem geschützten Lernumfeld zu entwickeln.
Für Sicherheitsfachkräfte, Arbeitsmediziner:innen und Psychologen:Psychologinnen eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten:
- Deeskalation, Stressbewältigung, Entscheidungsfähigkeit und adäquates Verhalten lassen sich gut und praxisnah trainieren.
- Empathie und der Umgang mit Diskriminierung werden gezielt gefördert.
- Digitale Trainingsmethoden ergänzen klassische Präventionsstrategien um immersive, erlebnisbasierte Komponenten.
Prävention im 21. Jahrhundert bedeutet, Menschen zu befähigen, in unsicheren, komplexen Situationen sicher und reflektiert zu handeln, sowohl technisch als auch sozial und emotional. Virtual Reality und Extended Reality (XR) sind kein Ersatz für Erfahrung oder traditionelle Ausbildungsmethoden, sondern eine gute weitere Möglichkeit, um das Training insgesamt zu verbessern.
So entsteht eine neue Dimension der Sicherheitskultur, die Prävention nicht nur als Vermeidung von Risiken versteht, sondern als aktive Gestaltung von Kompetenz, Mut und Verantwortung.
[1] Dalgarno B, Lee MJ. What are the learning affordances of 3-D virtual environments? Br J Educ Technol. 2010;41(1):10–32.
[2] Schrom-Feiertag H, Stubenschrott M, Regal G, Schrammel J, Settgast V. Using cognitive agent-based simulation for the evaluation of indoor wayfinding systems. arXiv preprint arXiv:1611.02459. 2016.
[3] Merchant Z, Goetz ET, Cifuentes L, Keeney-Kennicutt W, Davis TJ. Effectiveness of virtual reality-based instruction on students’ learning outcomes in K-12 and higher education: a meta-analysis. Comput Educ. 2014;70:29–40.
[4] Martín-Gutiérrez J, Mora CE, Añorbe-Díaz B, González-Marrero A. Virtual technologies trends in education. Eurasia J Math Sci Technol Educ. 2017;13(2):469–86.
[5] Hauff M, Heidemann D, Schumacher EM. Szenario-basiertes Lernen: Ein Konzept für die Entwicklung von Führungskompetenzen im Masterstudiengang an der Deutschen Hochschule der Polizei Münster. In: Neues Handbuch Hochschullehre. Lehren und Lernen effizient gestalten. Stuttgart: Raabe; 2008. p. 5–18.
[6] Himmelsbach J, Hochleitner W, Schneider A, Schwarz S, Sellitsch D, Tscheligi M. Relatedness for moral courage: game experience dimensions as persuasive strategies for moral courage in contrast to other facets of altruistic behavior. In: International Conference on Persuasive Technology; 2023 Apr; Cham. Springer Nature Switzerland; 2023. p. 322–36.
[7] Müller T. Pöbelnde Patienten, übergriffige Kollegen – wie wehren Sie sich? Gewalt gegen Ärzte. MMW Fortschr Med. 2020;162(9):12–7.
[8] Jasper J, Donelon DB, Handfield A. Gender based violence amongst first responders: a scoping review. 2023.
[9] Connell RW, Messerschmidt JW. Hegemonic masculinity: rethinking the concept. Gender Soc. 2005;19(6):829–59.
Dipl.-Inform.in Dr.in Anke Schneider
Scientist, Center for Technology Experience am AIT – Austrian Institute of Technology GmbH
anke.schneider@ait.ac.at
Mag.a Julia Himmelsbach
Scientist, Center for Technology
Experience am AIT – Austrian Institute of Technology GmbH
julia.himmelsbach@ait.ac.at
Zusammenfassung
Virtual Reality (VR) ermöglicht neue Wege in Training und Prävention. In Forschungsprojekten wie CATRINA und GAIN zeigt das AIT – Austrian Institute of Technology, dass das VR-Training eine gute Ergänzung zur klassischen Aus- und Weiterbildung ist. Kritische Situationen lassen sich immersiv und realitätsnah, gefahrlos, beliebig wiederholbar und sofort auswertbar trainieren.