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Digitalisierung

Digitale Trainingsintervention für Forstarbeiter:innen

Forstarbeit zählt zu den körperlich anspruchsvollsten Tätigkeiten. Hohe Lasten, unebenes Gelände und ungünstige Arbeitspositionen führen häufig zu muskuloskelettalen Beschwerden und erhöhten Ausfallzeiten. Um diesen Risiken präventiv zu begegnen, hat die AUVA ein App-basiertes Trainingsprogramm entwickelt. Eine Interventionsstudie mit Forstarbeitern* der Österreichischen Bundesforste – initiiert von der AUVA, durchgeführt von der Universität Innsbruck – zeigt, dass bereits ein dreimonatiges Training die Bewegungsqualität verbessert und die Arbeitsfähigkeit positiv beeinflussen kann.

Forstarbeiter:innen sind im Arbeitsalltag hohen körperlichen Belastungen ausgesetzt. Arbeiten in gebückter Haltung, das Heben schwerer Lasten sowie Tätigkeiten in unebenem Gelände erhöhen das Risiko für muskuloskelettale Beschwerden deutlich. Diese Beschwerden sind eine zentrale Ursache für Krankenstände und eingeschränkte Arbeitsfähigkeit. Gleichzeitig sind klassische Präsenzprogramme der betrieblichen Gesundheitsförderung aufgrund der dezentralen Einsatzorte nicht einfach umzusetzen. Vor diesem Hintergrund hat die AUVA ein digital unterstütztes Trainingsprogramm entwickelt, das flexibel in den Arbeitsalltag integriert werden kann. Ziel war es, ein skalierbares Präventionskonzept zu schaffen, das sowohl die körperliche Funktionsfähigkeit als auch die Arbeitsfähigkeit verbessert. Im Rahmen einer Studie, initiiert von der AUVA und durchgeführt von der Universität Innsbruck, wurde die Wirksamkeit dieses Konzepts überprüft.

Projektstrukturierung
An der Studie nahmen 40 ausschließlich männliche Forstarbeiter aus drei Betrieben der Österreichischen Bundesforste teil. 21 Personen absolvierten die Trainingsintervention, 19 Personen bildeten die Kontrollgruppe. Der Pre- und der Posttest wurde von 17 Teilnehmern der Trainings- und 15 Teilnehmern der Kontrollgruppe abgeschlossen. Vor Beginn der Intervention wurden alle Teilnehmer mittels Functional Movement Screen (FMS) sowie Work Ability Index (WAI) getestet. Außerdem wurde eine Arbeitsplatzevaluierung durchgeführt, um die verschiedenen Tätigkeiten der Forstarbeiter kennenzulernen und Bewegungsabläufe in Relation zur FMS-Diagnostik setzen zu können. Anschließend folgte eine dreimonatige Trainingsphase. Die Intervention umfasste fünf Trainingseinheiten pro Woche. Drei kurze Einheiten wurden als arbeitsplatznahes Aktivierungsprogramm konzipiert, zwei längere Einheiten dienten dem gezielten Kraft‑ und Mobilitätstraining. Die Teilnehmer mussten insgesamt 40 % aller geplanten Einheiten durchführen, um die Trainingsintervention erfolgreich zu beenden. Ziel war es, funktionelle Bewegungsmuster zu verbessern, die für die Anforderungen der Forstarbeit relevant sind, und arbeitsbedingte Belastungen zu reduzieren. Die Trainingsprogramme wurden über die Plattform PhysiTrack (physitrack.com) geplant. Die Trainingspläne wurden den Arbeitern über die zugehörige PhysiApp auf ihren Diensthandys zur Verfügung gestellt. Der Trainingsplan beinhaltete eine wöchentliche Planung der Übungen sowie Demonstrationsvideos zu sämtlichen Übungen, zusätzlich wurde die Trainingstreue über die App erfasst.

Ergebnisse
Die FMS-Eingangstestungen und visuelle Beobachtung der Tätigkeiten zeigte vor allem Defizite in der aktiven Mobilität der Brustwirbelsäule (BWS) und des Hüftgelenks. Aus diesen Symptomen entstehen oft Folgeprobleme wie eine fehlende Stabilität der Lendenwirbelsäule, eine fehlende Stabilität des Schulterblattes und eine dysfunktionale Beinachse (Instabilität, falsche Kraftübertragung). Diese Beobachtungen gelten für beide Teilnehmergruppen und passen in das Bild typischer Beschwerde- und Verletzungsbilder in der Forstwirtschaft – wie Rücken-, Nacken- und Schulterschmerzen, aber auch Sturzverletzungen. Abbildung 1 zeigt den Zusammenhang der Ursachen und Beschwerdebilder auf den Joint-by-Joint Approach von Gray Cook projiziert.

Skelettdarstellung mit blau markierten mobilen und rot markierten stabilen Gelenken; Pfeile zeigen, wie Bewegungseinschränkungen der Brustwirbelsäule und des Hüftgelenks zu Stabilitätsverlust der Lendenwirbelsäule und der Schulterblätter führen, mit daraus resultierenden Beschwerden wie Rücken- und Nackenschmerzen.
Abbildung 1: Joint-by-Joint-Ansatz nach Cook et al. (2010). Blau markierte Gelenkregionen erfordern primär Mobilität, während rot markierte Bereiche überwiegend Stabilität bereitstellen sollten. © Adobe Stock / EZPS / Darstellung angelehnt an eine Abbildung der Universität Innsbruck

Die körperliche Funktionsfähigkeit wurde mittels FMS erfasst. Dabei zeigte sich eine signifikante Verbesserung des Gesamtscores in der Trainingsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe (η²p = .547). Die Ergebnisse sind in Abbildung 2 dargestellt. Während die Kontrollgruppe keine relevante Veränderung aufwies (MWPRE = 10,73 ± 3,2, MWPOST = 10,67 ± 3,15), verbesserte sich die Trainingsgruppe im Mittel um mehr als vier Punkte (MWPRE = 11,29 ± 2,62, MWPOST = 15,88 ± 1,83). Diese Verbesserung entspricht einer deutlichen Veränderung der funktionellen Bewegungsqualität und weist auf eine verbesserte Stabilität und Kontrolle in komplexen Bewegungsmustern hin. Nach Cook (2006) haben Personen mit einem Score unter 14 Punkten eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, den Körper bei sportlicher Aktivität oder körperlicher Belastung zu verletzen oder zu schädigen. In der Trainingsgruppe waren vor der Intervention 13 von 17 Personen unter dieser Schwelle und nach der Intervention nur noch eine Person, während bei der Kontrollgruppe zwei Teilnehmer mehr unter dieser Schwelle blieben (Pre 11 von 15, Post 13 von 15).

Für einzelne Subtests zeigten sich signifikante Gruppenunterschiede mit mittleren bis großen Effektstärken. Nach Anwendung der Holm-Bonferroni-Korrektur blieben signifikante Gruppenunterschiede für die Tests Rotary Stability (U = 45,0; p(Holm) = .007; r = .57), Inline Lunge (U = 48,5; p(Holm) = .012; r = .54) sowie Shoulder Mobility (U = 50,0; p(Holm) = .015; r = .55) bestehen. Diese Ergebnisse deuten auf eine verbesserte Rumpf- sowie Beinachsenstabilität, eine optimierte lumbopelvine Kontrolle und erhöhte Schultermobilität hin. Beide Faktoren sind insbesondere für das Arbeiten in unebenem Gelände und beim Umgang mit schweren Arbeitsgeräten von zentraler Bedeutung. Abbildung 3 zeigt die Entwicklungen der einzelnen Subtests.

Zur Untersuchung möglicher Zusammenhänge zwischen Trainingstreue, Ausgangswerten und Veränderungen im Functional Movement Screen (FMS) wurden Pearson-Korrelationen berechnet. Zwischen der Trainingstreue und der Veränderung des FMS-Gesamtscores zeigte sich kein signifikanter Zusammenhang (r = 0.124, p = .636). Ebenso bestand kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Trainingstreue und dem FMS-Ausgangswert (r = −0.116, p = .657). Demgegenüber zeigte sich ein signifikanter negativer Zusammenhang zwischen dem FMS-Ausgangswert und der Veränderung des FMS-Gesamtscores (r = −0.722,

p = .001), was darauf hinweist, dass Teilnehmende mit niedrigeren Ausgangswerten größere Verbesserungen über den Interventionszeitraum aufwiesen.

Parallel dazu wurde die Arbeitsfähigkeit mittels Work Ability Index erhoben. Zu Beginn unterschieden sich die Gruppen nicht signifikant (Interventionsgruppe: MWPRE = 40.08 ± 5.99; Kontrollgruppe: MWPRE = 41.21 ± 3.81). Nach der Intervention zeigte die Trainingsgruppe einen leichten Anstieg (MWPOST = 40.69 ± 5.66), während sich die Kontrollgruppe verschlechterte (MWPOST = 38.61 ± 6.27). Die Mixed‑ANOVA ergab eine signifikante Zeit × Gruppen‑Interaktion, F(1,25) = 7.24, p = .013, η²p = .225. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass sich die Arbeitsfähigkeit in der Trainingsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe günstiger entwickelte. Die generelle Verringerung des Gesamtscores hängt wahrscheinlich mit den starken Schwankungen im saisonalen Anforderungsprofil der Forstarbeiter:innen zusammen. Es scheint, dass Verbesserungen der Bewegungsqualität die Belastungsverteilung optimieren können und dadurch die wahrgenommene Arbeitsfähigkeit positiv beeinflussen.

Begriffserklärung: Mixed ANOVA
Mixed ANOVA (oder gemischte Varianzanalyse) ist ein statistisches Verfahren, das die einfaktorielle Varianzanalyse für unabhängige Stichproben (Between-Subjects) und für abhängige Stichproben (Within-Subjects) kombiniert. Sie wird verwendet, um Mittelwerte auf signifikante Unterschiede zu prüfen, wenn ein Studiendesign sowohl unabhängige Gruppen als auch wiederholte Messungen beinhaltet.

Abbildung 2: Vergleich der Mittelwerte des FMS-Gesamtscores beim Pre- und beim Post-Test. Die dünnen grünen Linien beschreiben die individuelle Entwicklung der Trainingsgruppe, die dünnen schwarzen Linien beschreiben die individuelle Entwicklung der Kontr

Neben den objektiven Verbesserungen berichteten die Teilnehmer auch subjektiv über positive Effekte. Alle Teilnehmer der Trainingsgruppe mit zu Beginn berichteten Schmerzen (n = 7) gaben eine Verbesserung ihrer Beschwerden im Verlauf der Trainingsintervention an. Zusätzlich zeigte sich eine hohe Programmakzeptanz. Die Teilnehmer bewerteten das Training als verständlich, flexibel und gut in den Arbeitsalltag integrierbar. Alle Teilnehmer der Intervention gaben an, ein solches Projekt weiterführen zu wollen und gleichermaßen anderen Forstbetrieben zu empfehlen. Diese hohe Akzeptanz ist insbesondere für die praktische Umsetzung von Präventionsmaßnahmen in dezentral organisierten Betrieben von großer Bedeutung.

Diskussion der Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigen, dass ein digitales, arbeitsplatznahes Training die funktionelle Bewegungsqualität von Forst­arbeitern:Forstarbeiterinnen signifikant verbessern kann. Insbesondere Rumpfstabilität, einbeinige Belastbarkeit und Schulterbeweglichkeit verbesserten sich deutlich. Diese Faktoren gelten als zentral für sicheres Arbeiten im Gelände sowie für den Umgang mit Motorsäge und weiteren Arbeitsgeräten. Verbesserungen in diesen Bereichen können dazu beitragen, Fehlbelastungen zu reduzieren und die körperliche Belastbarkeit zu erhöhen. Darüber hinaus deuten die Ergebnisse auf eine Verbesserung der subjektiven Arbeitsfähigkeit hin. Auch wenn der Interventionszeitraum relativ kurz war, zeigt die signifikante Interaktion im Work Ability Index, dass funktionelles Training einen positiven Einfluss auf arbeitsbezogene Gesundheitsparameter haben kann. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender körperlicher Anforderungen und einer alternden Belegschaft von Bedeutung. Digitale Trainingsprogramme bieten insbesondere für dezentral organisierte Branchen wie die Forstwirtschaft große Vorteile. Sie ermöglichen eine standardisierte Durchführung, flexible Integration in den Arbeitsalltag und eine einfache Skalierbarkeit. Gleichzeitig können gezielt Risikogruppen adressiert werden, da insbesondere Teilnehmer:innen mit schlechteren Ausgangswerten stärker profitierten. Dadurch ergibt sich ein großes Potenzial für zukünftige Präventionsprogramme im Arbeitnehmer:innenschutz. Neben gesundheitlichen Effekten sind auch wirtschaftliche Auswirkungen zu erwarten. Muskuloskelettale Beschwerden zählen zu den häufigsten Ursachen für Ausfallzeiten in körperlich belastenden Berufen. Verbesserungen der Bewegungsqualität können Fehlbelastungen reduzieren und damit langfristig Krankenstände und Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit verringern. Darüber hinaus ist anzunehmen, dass eine verbesserte Rumpfstabilität, Gleichgewichtsfähigkeit und einbeinige Belastbarkeit auch das Risiko für Arbeitsunfälle, etwa durch Stürze oder Fehltritte in unebenem Gelände, reduzieren können. Diese möglichen Effekte wurden in der vorliegenden Studie nicht direkt erhoben, erscheinen jedoch aufgrund der verbesserten funktionellen Bewegungsmuster plausibel. Bereits geringe Reduktionen von Ausfallzeiten oder Unfallereignissen können zu relevanten Kosteneinsparungen führen. Gleichzeitig verbessern sich die Planbarkeit der Arbeit und die langfristige Einsatzfähigkeit der Beschäftigten. Digitale Trainingsprogramme stellen somit auch aus ökonomischer Sicht eine sinnvolle Präventionsmaßnahme dar.

Auch wenn das Projekt sehr vielversprechende Ergebnisse zeigt, ist die Aussagekraft der Ergebnisse aufgrund der kleinen Stichprobe, der freiwilligen Gruppenzuteilung und des kurzen Interventionszeitraums von drei Monaten vorsichtig zu interpretieren. Zudem wurden Arbeitsunfälle und Krankenstände nicht erfasst, sodass Aussagen zu langfristigen Effekten nur indirekt möglich sind.

Abbildung 3: Durchschnittliche Veränderung der Mittelwerte pro Subtest von Pre zu Post für die Kontroll- und die Trainingsgruppe (* = p < .05).

Information
Weitere Informationen rund um das Thema „Sichere Forstarbeit“ finden Sie auch in den AUVA-Publikationen und dem AUVA-Blog. 

Merkblatt M.plus 523 –Betriebsordnung Holzrückung mit Forwarder und Krananhänger unter: 
auva.at/praevention/medien-und-publikationen

Merkblatt M.plus 521 – Betriebsordnung Forstliche Seilbringungs­­anlagen unter: 
auva.at/praevention/medien-und-publikationen

Mehr Details lesen Sie im AUVA-Blog: 
auva.at/blog/infoseite-forstarbeit

Das vorgestellte Trainingskonzept kann an unterschiedliche Branchen mit körperlich belastenden Tätigkeiten angepasst werden. Interessierte Unternehmen können ein vergleichbares Vorgehen zur Verbesserung der Bewegungsqualität und Arbeitsfähigkeit ihrer Beschäftigten umsetzen und sich bei Interesse an ähnlichen Projekten und Studien bei den Autoren:Autorinnen melden.


Zusammenfassung:
Eine dreimonatige digitale Trainingsintervention verbesserte die Bewegungsqualität von Forstarbeitern deutlich. Rumpfstabilität, Gleichgewicht und Belastbarkeit in einbeinigen Positionen nahmen zu. Die subjektive Arbeitsfähigkeit entwickelte sich positiv und die Akzeptanz des Programms war sehr hoch. Digitale Trainingsprogramme sind damit ein praktikabler Präventionsansatz für belastende Tätigkeiten. ●


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