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Arbeitnehmer:innenschutz

Prävention: Neue Heraus­forderungen, neue Lösungen

Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Künstliche Intelligenz (KI) beschleunigt den Prozess der Digitalisierung, die Auswirkungen des Klimawandels werden zunehmend spürbarer und die demografische Entwicklung verstärkt den Fachkräftemangel. Auch schon lange bekannte Gesundheitsgefahren, etwa durch körperlich schwere Arbeit oder krebserzeugende Stoffe, bestehen nach wie vor. Zur Bewältigung klassischer und neu hinzugekommener Risiken muss Präventionsarbeit zukunftsfähige Lösungen finden

Fachleute aus dem Bereich Arbeitnehmer:innenschutz sind sich einig: Die bisherigen Präventionsansätze reichen nicht aus, um den Herausforderungen einer sich wandelnden Arbeitswelt zu begegnen. Der Fokus muss sich vom bloßen Reagieren hin zu proaktivem Handeln verschieben. Dafür stehen bereits heute ganzheitliche Konzepte und Tools zur Verfügung. Mehrere Studien zeigen auf, wo die Schwerpunkte nachhaltiger Präventionsarbeit liegen sollten.

Risiken in der EU
Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz (EU-OSHA) führt alle fünf Jahre eine Erhebung unter Unternehmen zu Fragen der neuen und aufkommenden Risiken (ESENER) durch. 2024 standen langes Sitzen, repetitive Hand- oder Armbewegungen sowie Heben und Befördern von schweren Lasten oder Personen an erster Stelle. Ebenfalls häufig genannt wurden psychosoziale Risiken, insbesondere in den Branchen Dienstleistung, Gesundheit und Bildung.

2025 befragte die EU-OSHA Unternehmen im Rahmen des „Flash Eurobarometer OSH Pulse 2025 – Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz im Zeitalter von ­Klimawandel und Digitalisierung“. Rund ein Drittel der Beschäftigten ist klimabedingten Belastungen wie starker Hitze, Extremwetterereignissen oder schlechter Luftqualität ausgesetzt, insbesondere in Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft, im Baugewerbe sowie in der Energie- und Wasserversorgung. Psychosoziale Belastungen durch erhöhte Arbeitsanforderungen, ständige Erreichbarkeit und digitale Überwachung betreffen hauptsächlich Beschäftigte in Büro-, Dienstleistungs- und wissensintensiven Bereichen.

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) erhob heuer für das „DGUV Barometer Arbeitswelt 2026 – Krisenresilienz“ die Risiken in deutschen Unternehmen. Rund ein Fünftel der Erwerbstätigen sieht am eigenen Arbeitsplatz Unfallgefahren durch Bedrohungen, Übergriffe oder Gewalt. Zukünftig erwarten die Befragten vor allem mehr psychische Belastungen und Auswirkungen veränderter Altersstrukturen. Mit einer Zunahme klimabedingter Risiken rechnen vor allem Beschäftigte im Baugewerbe, mit höheren Risiken durch künstliche Intelligenz im Finanz- und Versicherungssektor tätige Personen.

Eine Person mit Brille auf dem Kopf sitzt an einem Schreibtisch vor einem Computer und hält sich erschöpft die Stirn in einem Büro mit Regalen und Pinnwand im Hintergrund.
Die Belastung durch die Auswirkungen der Digitalisierung nimmt zu © Adobe Stock / Rido

Risiken in Österreich
Anlässlich des 30-jährigen Bestehens des ArbeitnehmerIn­nenschutzgesetzes (ASchG) beauftragte die Arbeiterkammer Wien die Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) 2024 mit der Durchführung einer Studie. Für „Arbeitnehmer:innenschutz in Österreich: Eine Bestandsaufnahme – mit Zukunft“ wurden Betriebsratsvorsitzende und Sicherheitsvertrauenspersonen (SVP) befragt, Experten:Expertinnen gaben Empfehlungen für eine Weiterentwicklung des Arbeitnehmer:innenschutzes ab.

Für 30 Prozent der Betriebsratsvorsitzenden und SVP ist die Arbeit in ihrem Betrieb (eher) nicht so gestaltet, dass die Beschäftigten sie bis zur Pensionierung gesund und sicher ausüben können. 70 Prozent beobachten eine zunehmende Belastung durch Auswirkungen der Digitalisierung. Mehr als 60 Prozent berichten von einer stärker werdenden Belastung durch Hitze. Knapp ein Fünftel hat ein vermehrtes Auftreten von körperlicher oder psychischer Gewalt am Arbeitsplatz wahrgenommen.

Die Experten:Expertinnen empfehlen als gesetzliche Maßnahmen Verordnungen zur Lastenhandhabung sowie zur verpflichtenden Messung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe und plädieren für eine Verankerung der Arbeits- und Organisationspsychologen:-psychologinnen (AOP) als dritte Präventivkraft. Unternehmen sollten AOP verpflichtend zur Evaluierung psychischer Belastungen heranziehen müssen.

Psychische Belastungen
Die Studien zeichnen ein klares Bild: Neue Risiken, vor allem durch Hitze und Digitalisierung, sowie psychische Belastungen treten immer stärker in den Vordergrund. Da Arbeitgeber:innen die Evaluierung psychischer Belastungen als weniger „greifbar“ empfinden, ist die Einbeziehung von AOP umso wichtiger. „Die Evaluierung psychischer Belastung ist nach wie vor stark nachgefragt – sowohl in unseren Betriebsberatungen als auch bei den kostenlosen Evaluierungsverfahren der AUVA“, stellt Mag.ᵃ Sylvia Ebner, Arbeits- und Organisationspsychologin in der AUVA-Hauptstelle, fest.

Eine besonders besorgniserregende Entwicklung im Bereich der psychischen Belastungen ist die Zunahme von Gewalt am Arbeitsplatz, von der Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Das höchste Risiko besteht in Branchen, in denen Beschäftigte regelmäßig Kontakt mit externen Personen haben, etwa in Gesundheits- und Sozialberufen, im Handel, in der Gastronomie oder in der Bildung. Mit Hilfe der „Checkliste Gewaltprävention“ der AUVA können Betriebe Faktoren identifizieren, die arbeitsbedingte Gewalt begünstigen, und entsprechende Präventionsmaßnahmen ableiten.

Im beruflichen Alltag kann jeder:jede mit plötzlich auftretenden Notfallsituationen, z. B. einem Arbeitsunfall, konfrontiert sein. Reichen die bisherigen Bewältigungsstrategien nicht aus, ist rasche psychosoziale Hilfe gefragt, um die Entwicklung psychischer Störungen zu verhindern. Die AUVA bietet Betrieben Unterstützung an, um ein notfallpsychologisches Betreuungskonzept zu erstellen.

Eine Person in Warnweste und Mundschutz lehnt vor Hitze erschöpft an einem Zugwaggon und hält einen weißen Schutzhelm in der Hand.
Beschäftigte in der Baubranche sind besonders von der zunehmenden Hitze am Arbeitsplatz betroffen © Adobe Stock / JuYochi

Hitze und Sonnenstrahlung
Auch bei Entwicklungen, die vor allem mit körperlichen Belastungen verbunden werden, spielt die Psyche eine wichtige Rolle – etwa im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Hohe Temperaturen beeinträchtigen die emotionale Kontrolle und können zu aggressivem Verhalten führen, z. B. von Kunden:Kundinnen gegenüber dem Personal. Hitze und insbesondere schlechter Schlaf in Tropennächten verursachen Müdigkeit und Erschöpfung, wodurch die Leistungsfähigkeit sinkt und das Unfallrisiko steigt. Auswirkungen der Klimaveränderung wie die zunehmende Anzahl an Hitzetagen und Extremwetterereignissen fördern die Klimaangst, von der vor allem junge Menschen und Frauen betroffen sind.

Die AUVA ist dabei, ihr Informationsangebot zum Thema Hitze und natürliche UV-Strahlung zu erweitern. Das Merkblatt M.plus 012 „Arbeiten im Freien bei Hitze“, der Folder „Sonnenschutz – Meiden, kleiden, cremen“ und die AUVA-Sonnenscheibe liegen nun in überarbeiteter Form vor, das Merkblatt M 013 „UV-Strahlung und Arbeiten im Freien“ und der Folder „Sonnenschutz“ werden derzeit aktualisiert.

Digitalisierung
Die fortschreitende Digitalisierung eröffnet neue Chancen, ist jedoch auch mit Risiken verbunden. Der Entlastung von körperlich schweren Tätigkeiten durch Automatisierung stehen Gefahren wie Kollisionen mit kollaborativen Robotern gegenüber. An Büroarbeitsplätzen führen Bildschirmarbeit und langes Sitzen zur Belastung von Augen und Muskel-Skelett-System. Zeitdruck, ständige Erreichbarkeit sowie wenig benutzer:innenfreundliche oder fehleranfällige Hard- und Software begünstigen Technostress. Mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz hat die Angst vor Arbeitsplatzverlust auch die Wissensarbeit erreicht.

New Work – ein Konzept, das die Arbeit im Idealfall mit mehr Sinn, Flexibilität und Selbstbestimmung bereichert – ist ohne moderne digitale Technologien undenkbar. Zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten ermöglicht neue Formen der Zusammenarbeit in hybriden oder virtuellen Teams und kann die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern. Auch die Aus- und Weiterbildung befindet sich im Wandel: Mit interaktiven Tools lässt sich die Wissensvermittlung an Kenntnisstand und Lerntempo anpassen.

Welche Vorteile künstliche Intelligenz für die Tätigkeit von AOP bringt, fasst die Arbeits- und Organisationspsychologin Mag.ᵃ Veronika Jakl zusammen: „Bei der Erhebung

psychischer Belastungen am Arbeitsplatz kann KI, zum Beispiel durch die Erstellung schriftlicher Fragebögen oder die Auswertung quantitativer Daten, unterstützen.“ Der Versuch, bei der Evaluierung AOP durch KI zu ersetzen, sei jedoch der falsche Weg.

„Die Arbeitswelt verändert sich, aber der Fokus, sicher und gesund zu arbeiten, bleibt gleich“, bringt Ebner eine zentrale Botschaft der noch bis Oktober 2026 laufenden AUVA-

Kampagne „Gemeinsam sicher digital“ auf den Punkt. Im Rahmen der Kampagne wurde das Informations- und Unterstützungsangebot der AUVA zum Thema Digitalisierung erweitert. Neu dazugekommen sind etwa die „Checkliste psychische Belastung bei digitaler Kommunikation für Arbeitnehmer:innen“ und der Folder „Technostress am Arbeitsplatz“.

Alternsgerechte Arbeit
Die demografische Entwicklung stellt Gesellschaft und Unternehmen vor große Herausforderungen, betont Ebner. In den kommenden Jahren werden die letzten geburtenstarken Jahrgänge das Pensionsalter erreicht haben, gleichzeitig scheiden viele Beschäftigte vorzeitig aus dem Erwerbsleben aus. Einer der Gründe dafür liegt in den belastenden beruflichen Rahmenbedingungen. Das trifft insbesondere auf Gesundheitsberufe zu. Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, ist eine alternsgerechte Arbeitsgestaltung notwendig.

Diese muss bereits mit dem Berufseinstieg beginnen. Je nach Lebensphase stehen unterschiedliche Bedürfnisse im Vordergrund, die sich zum Beispiel durch flexible Arbeitszeitmodelle zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder in Form einer Teilpension unterstützen lassen. Für eine gute Zusammenarbeit der Generationen haben sich Tandems und altersgemischte Teams bewährt, in denen Erfahrungen ausgetauscht werden können. Bei Pensionierungen sei Wissensmanagement ebenfalls wichtig, so Jakl: „Man muss proaktiv rechtzeitig planen, damit auch informelles Wissen weitergegeben wird.“ Gleichzeitig ist es wichtig, älteren Beschäftigten Wertschätzung entgegenzubringen, etwa durch den Zugang zu Weiterbildungsangeboten.

In der AUVA befasst sich eine Arbeitsgruppe mit alternsgerechtem Arbeiten und den unterschiedlichen Lebensphasen im Erwerbsleben. Ein Merkblatt für Betriebe befindet sich derzeit in Vorbereitung. Schon jetzt bietet die AUVA mit dem kostenlosen „Altersstrukturcheck“ ein Instrument, das die Analyse der aktuellen Altersverteilung im Unternehmen sowie Prognosen zur künftigen Entwicklung ermöglicht. Daraus lassen sich geeignete Maßnahmen für Prävention und Personalentwicklung ableiten. Der Altersstrukturcheck steht ab Herbst in neuem Design zur Verfügung.

Links
Checkliste Gewaltprävention:
auva.at/praevention/medien-und-publikationen/publikationen-us/checkliste-gewaltpraevention

Merkblatt M.plus 012 „Arbeiten im Freien bei Hitze“
auva.at/praevention/medien-und-publikationen/publikationen-us/mplus-012-arbeiten-im-freien-bei-hitze

Folder „Sonnenschutz – Meiden, kleiden – cremen“
auva.at/praevention/medien-und-publikationen/publikationen-us/folder-sonnenschutz-meiden-kleiden-cremen

AUVA-Sonnenscheibe
auva.at/praevention/medien-und-publikationen/publikationen-us/sonnenscheibe-uv-schutz-sonne-ohne-schattenseiten

Checkliste psychische Belastung bei digitaler Kommunikation für Arbeitnehmer:innen
auva.at/praevention/medien-und-publikationen/publikationen-us/checkliste-psychische-belastung-bei-digitaler-kommunikation-fuer-arbeitnehmerinnen

Alle Publikationen der AUVA zum Bestellen und/oder zum Download finden Sie hier:
auva.at/praevention/medien-und-publikationen/publikationen

Zusätzlich gibt es noch den Altersstrukturcheck der AUVA: 
altersstrukturcheck.auva.at

Neue Präventionsansätze
Im Rahmen der EU werden gemeinsame Antworten auf die Herausforderungen einer sich wandelnden Arbeitswelt entwickelt. Als Beispiel nennt Mag.ᵃ Dr.ⁱⁿ Alexandra Marx, Leiterin der Rechtsabteilung im Zentral-Arbeitsinspektorat, die „Quality Jobs Roadmap“ der Europäischen Kommission. Diese soll Ende 2026 durch den „Quality Jobs Act“ konkretisiert werden, der ein Recht auf Nichterreichbarkeit, faire Telearbeit, den Umgang mit KI und den Schutz vor psychosozialen Belastungen in einem digitalisierten Arbeitsumfeld beinhaltet. Außerdem sind auf EU-Ebene eine Änderung der Vorschriften für Arbeitsstätten und Bildschirmarbeitsplätze sowie strengere Grenzwerte für krebserzeugende Arbeitsstoffe geplant.

Die österreichische Arbeitnehmer:innenschutzstrategie 2021 bis 2027 orientiert sich am EU-Strategierahmen für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit und bündelt nationale Maßnahmen, insbesondere in den Bereichen Digitalisierung, „grüner Wandel“, ergonomische und chemische Belastungen sowie psychische Gesundheit. Gleichzeitig stehen angesichts der angespannten Budgetlage aber auch Einsparungsmaßnahmen im Raum. DI Georg Effenberger, Leiter der Abteilung für Unfallverhütung und Berufskrankheitenbekämpfung der AUVA, warnt, dass Kürzungen nicht zulasten der Prävention gehen dürften. Prävention erfordere langfristiges Denken – jeder investierte Euro reduziere Folgekosten, etwa durch die Vermeidung von Krankenständen oder Frühpensionierungen.

 

Zusammenfassung:
Die Arbeitswelt verändert sich, vor allem die Digitalisierung, die Auswirkungen des Klimawandels und die demografische Entwicklung stellen die Präventionsarbeit vor zusätzliche Herausforderungen. Der Fokus verlagert sich zunehmend von körperlichen zu psychischen Belastungen. Gesetzliche Anpassungen sowie neue Konzepte und Instrumente unterstützen Betriebe dabei, Risiken zu minimieren.


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