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Sichere Arbeit

Wie das Sicherheitsverhalten von der Kindheit beeinflusst wird

PSYCHOLOGIE

Unser Sicherheitsverhalten ist in hohem Maß von Erfahrungen beeinflusst, die in den ersten zehn Lebensjahren gemacht wurden. Das Gehirn ermöglicht es uns jedoch auch, noch im Erwachsenenalter "falsche" Verhaltensweisen zu korrigieren.

Unsere Kindheit hat Spuren hinterlassen, die auch unser Sicherheitsverhalten beeinflussen. Wir können uns ein Leben lang in diesen Spuren bewegen, aber wir müssen es nicht. Die Erfahrungen der ersten zehn Lebensjahre wirken sich auf unser gesamtes Verhaltensrepertoire aus - nämlich insofern, als wir unbewusst wiederholen und fortsetzen, was wir in der Kindheit "gelernt" haben. Diese Weichenstellungen steuern das Sicherheitsverhalten ebenso wie die Gefährlichkeitsurteile. Aber auch die sogenannten Stressengramme sind von der Architektur unserer Lebensgeschichte geprägt. Alle frühen Erfahrungen stellen Bausteine der von den Hirnforschern als "Autobahnen im Kopf" bezeichneten Copingprogramme dar und steuern unser intuitives Verhalten.

Der Einfluss unserer Selbstwirksamkeitserwartung auf das Sicherheitsverhalten

Gerade unsere Selbstwirksamkeitserwartung - also unsere Überzeugung, unser Glaube daran, etwas bei sich selbst bewirken zu können - beeinflusst unser Sicherheitsverhalten ein Leben lang. Das Gefühl dafür, welche Situationen wir kontrollieren können und welchen wir uns folglich aussetzen, spiegelt sich auch in unserer Entscheidungsfähigkeit wider. All das ist maßgeblich von den Erfahrungen in den ersten Lebensjahren beeinflusst. Angesichts der Anstrengung und Gefährlichkeit einer Aufgabe, die ein Kind bereit ist, auf sich zu nehmen, und der Reaktion der Mutter, Vater oder Bezugsperson darauf engrammieren sich die Bestandteile des Selbstwertsystems. Zu diesen gehört - neben Ausdauer, Bereitschaft zur Anstrengung und Ausrichtung des Handelns auf angemessene Risikobereitschaft - auch die Zeit, die eine handelnde Person (auch ein Kind) damit verbringt, einmal gesetzte Ziele zu erreichen. Je länger es dauert, zum Ziel zu gelangen, desto größer wird die Gefahr, durch neue Anregungen auf andere attraktive Ziele aufmerksam zu werden und sich von den ursprünglichen Zielen, zum Beispiel, Gefahren im Auge zu behalten, ablenken zu lassen.

Wir wissen aus der Motivationspsychologie, dass die Ausdauer umso größer ist, je stärker die Motivation zur Erreichung eines Ziels ausgeprägt ist. Wer in seiner Kindheit Liebe und Anerkennung nur dann bekam, wenn sie oder er gute Leistungen erbrachte, egal mit welchem Einsatz - also zum Beispiel auch dann, wenn Gefahren nicht genügend beachtet wurden -, wird im Erwachsenenleben eher bereit sein, Risiken einzugehen und Gefahren als "nicht so gefährlich" einzustufen. Die Erwartung, dafür Anerkennung zu bekommen, übertrumpft das Sicherheitsbedürfnis.

Ein Fallbeispiel

Herr I., ein 38-jähriger Vorarbeiter im Bereich "Reinigung von Behältern mit gefährlichem Inhalt", hat durch großen Einsatz in seinem Aufgabenbereich einen "Leistungsaward" dafür erhalten, dass er besonders schnell seine Arbeiten - nämlich das Leeren von Behältern mit gefährlichem Inhalt - erledigen konnte. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass er diese Auszeichnung erhalte, weil er eine bestimmte Anzahl von Behältern innerhalb eines Zeitraums habe leeren können. Fünf Tage danach klemmte die gut gesicherte Entleerungsvorrichtung - es handelte sich ja um gefährliches Material, das entsorgt werden sollte -, und es gelang drei Arbeitern gemeinsam nicht, die Sicherheitsvorrichtung zu lockern. Herr I. kletterte in den Behälter hinein, was strengstens verboten war, die Vorrichtung öffnete sich und erschlug Herrn I. Der Notarzt konnte nur mehr seinen Tod feststellen. In der notfallpsychologischen Nachbetreuung stellte sich heraus, dass Herr I. unbedingt weiter "der Schnellste" hatte sein wollen; er hatte zu seinen Kollegen gesagt, dass sein Vater auch immer "der Schnellste" gewesen sei und dies daher auch von seinem Sohn immer erwartete hätte.

Personen mit unstillbarer Hoffnung auf Anerkennung oder Furcht vor Misserfolg (meidende Komponente des Leistungsmotivs) zeigen gerade im Bereich von Aufgabenschwierigkeiten wegen "Gefährlichkeit" minimale Ausdauer. Sie wollen alle Aufgaben so erledigen, dass sich die Wahrscheinlichkeit, Lob zu erhalten, erhöht und gehen mitunter hohe Risiken ein, um eine befürchtete Zurückweisung zu vermeiden. Das Bedürfnis, "geliebt" zu werden, bleibt in jedem Menschen ein Leben lang ein leitendes Motiv. Wurde einem Kind vermittelt, dass es die Liebe von Mutter,  Vater oder Bezugspersonen dann am ehesten bekommt, wenn es außergewöhnliche Leistungen erbringt und seine "Feigheit" unterdrückt, bleibt dieses (falsche) Maß für Gefahreneinschätzung unbewusst erhalten.

Anerkennung, Liebe und Wertschätzung steuern das Sicherheitsverhalten

Wenn Mutter, Vater oder Bezugsperson ein Kind dabei unterstützt und ihm Anerkennung gibt, wenn es die Erwartungen an sich selbst erfüllt hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es diese Spannung ein Leben lang positiv umsetzen kann. Die Selbsteinschätzung der Selbstwirksamkeitserwartung korreliert gut mit dem Verhalten, die eigene Sicherheit betreffend. Fragt man einen Menschen mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung: "Was meinen Sie, wie gut Sie mit der Bedienung dieser Maschine zurechtkommen werden?", um beispielsweise über eventuell notwendige Hilfe und Unterstützung zu sprechen, so nehmen Menschen mit hohem Selbstwert Hilfe leichter an als jene, die "Hilfe-Annehmen" mit Schwäche verbinden. Menschen mit niedrigem Selbstwert neigen dazu, "es jemandem zeigen zu wollen", und gehen daher Risiken ein, deren Ausmaß sie kaum abwägen können. In einer ganzen Reihe von Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass die Selbstwirksamkeit relevante Prognosen über tatsächlich gezeigtes Verhalten zulässt. Menschen benützen Sicherheitsvorkehrungen effektiver, wenn sie der Meinung sind, Kontrolle über ihr Sicherheitsverhalten zu haben, also eine diesbezüglich hohe Selbstwirksamkeitserwartung aufweisen. Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten der Kontrolle erwies sich als der zuverlässigste Prädiktor für effektives Sicherheitsverhalten. Das Ausmaß der wahrgenommenen Selbstwirksamkeit korreliert sowohl mit der Absicht als auch mit dem tatsächlich gezeigten Verhalten.

Self-Serving Bias - also selbstwertdienliche Strategien und der Regulationsmechanismus zum Erhalt und zur Wiederherstellung des psychischen Gleichgewichts und Wohlbefindens - sind ein bedeutender Faktor für das Sicherheitsverhalten. So kann es zu paradoxen Verhaltensweisen kommen, wenn zum Beispiel einerseits Risiken erkannt werden, andererseits aber vorwiegend auf Gelingensfaktoren abgezielt wird. Das Sicherheitsverhalten beeinflussende relevante Faktoren sind psychosoziale Disharmonien nach Übertretung subjektiver Normen, sie erzeugen Disstress-Gefühle.

Stresscoping

Auch unser Stresscoping haben wir in der Kindheit erlernt. Stress ist eine Reaktion des Organismus auf Anforderungen unter besonderen Bedingungen. Das Verhalten, das man als Kind in Belastungssituationen wählte beziehungsweise wählen musste, ist als vorgeprägtes Reaktionsmuster gespeichert. Zum Beispiel zeigen Menschen, die in ihrer frühen Kindheit von der Mutter getrennt wurden, vermehrt ein submissives Unterwerfungsverhalten. Die frühe Lebenserfahrung prägt das Verhalten unter Stress bis ins Erwachsenenalter. Eine submissive Haltung - also eine Gehorsamsbereitschaft, die zum Beispiel gegenüber Autoritäten zu automatischer, ungeprüfter Folgsamkeit führt oder führen kann - wirkt sich insofern gefährlich aus, als Menschen auch dann noch gehorchen, wenn eine Anordnung falsch ist. Aus welchen Gründen und Überzeugungen ein unwillkürliches, automatisches, unbeabsichtigtes Verhalten gewählt wird, ist multicodiert im Gehirn gespeichert und kann im Erwachsenenleben in Bezug auf die Ätiologie kaum in Erinnerung gerufen werden. So weiß zum Beispiel niemand, was in gewissen Situationen Reflexe wie Zittern, Zwinkern, Muskelzuckungen, Rotwerden, Schwitzen etc. auslöst. Auch warum manche Personen nicht aushalten, langsamer als andere zu sein oder negativ kritisiert zu werden, ist möglicherweise mit Lob- und Anerkennungsauslösern der Eltern begründbar.

Lob

Großen Einfluss auf das spätere Sicherheitsverhalten eines Menschen hat das Lob- und Anerkennungssystem in der Familie. Wer Risiken eingehen darf und die Grenze zwischen Sich-in-Gefahr-Bringen und Sich-in-Sicherheit-Halten insofern lernt, als Mutter, Vater oder eine andere Bezugsperson Freude darüber zeigt, wenn ein Verhalten richtig war, und Unzufriedenheit über ein zu riskantes Verhalten ausdrückt, wird später mit den sogenannten Basisemotionen - Angst, Furcht, Aufgeregtheit, Scham, Freude, Zufriedenheit, Verachtung, Ekel, Ärger, Verlegenheit, Schuld, Trauer - gut umgehen können. Denn Gefühle sind es, die unser Sicherheitsverhalten steuern. Jedes Sicherheitsverhalten beinhaltet auch Strategien, die sogenannte soziale befürchtete Gefahren (also seelische) gut einschätzen lassen und verhindern, dass Handlungen zu seelischem Schmerz führen.

Haben Mutter, Vater oder Bezugspersonen das Kind vorwiegend dann gelobt, wenn es, auch unter unfairen Voraussetzungen, "gewann" - also schneller, besser, tüchtiger als die anderen war, und das auch unter Hintansetzung von Sicherheitsmaßnahmen -, kann diese Einstellung als Verhalten in solchen Situationen engrammiert sein. Nimmt man zum Beispiel AutofahrerInnen in den Blick, die es nicht ertragen können, überholt zu werden, und es deswegen immer wieder zu schweren Unfällen kommt, lässt sich ein derartiges unvernünftiges Verhalten durch solche Gefühle aus der Kindheit erklären. Selbst wenn bei auffälligem, normwidrigem Verhalten großer Erklärungsbedarf besteht, weil damit teilweise gefährliche, belastende Folgen zu befürchten sind, sind die Motive eines solchen Verhaltens selten einsehbar.

Sicherheitsverhalten wird mit Bausteinen aus der Kindheit gesteuert

Das menschliche Gehirn ist verantwortlich für Wahrnehmung und Denken, es bestimmt, wie wir uns selbst empfinden, wie wir uns folglich verhalten und woran wir uns erinnern. Die Identität des Menschen, der Charakter, die Persönlichkeit, all das, was wir meinen, wenn wir von uns selbst als "Ich" sprechen, sind Produkte des Gehirns. In den verschiedenen Phasen der Entwicklung des Kindes entfalteten sich Bereiche im Gehirn, die unsere Wahrnehmung steuern und die sogenannten kognitiven Funktionen beeinflussen. Auch das Sicherheitsverhalten des Menschen wird durch die Erfahrungen und die damit verbundenen Gefühle gesteuert. Es entstehen unzählige Netzwerke, in denen umfassende Gedächtnisinhalte enthalten sind. Der Aufbau unseres Gehirns ist maßgeblich davon abhängig, welche Erfahrungen ein Mensch in den ersten zehn Lebensjahren gemacht hat. Wer viele positive Gefühlserfahrungen in einer anregenden Entwicklungsatmosphäre macht, bildet viele Verschaltungen in seinem neuronalen Netz, die sein Verhaltensrepertoire erweitern. Ein Kind, das unter schwierigen, es wiederholt verletzenden Bedingungen aufwächst, das viele negativ emotional stressende Erfahrungen macht, das vernachlässigt wird, das viel Einsamkeit und Leere kennt, das in einem reizarmen Klima aufwächst und keine Erfahrungen hat, wie mit Sicherheitsanweisungen kreativ umgegangen werden kann, wird im späteren Leben wenig Spielraum haben, wenn es darum geht, in bedrohlichen Situationen richtig zu handeln. Schon in den ersten Lebensmonaten werden aus allen Erfahrungen und Reizen Gedächtnisfunktionen unentwegt neu verschaltet, die dann die Gehirnleistungen Zug um Zug erweitern. Dieses sogenannte unbewusste Gedächtnis bezeichnet man als prozedurales Gedächtnis; das bewusste Gedächtnis, mit dem wir uns selbstständig an Fakten und Zahlen erinnern können, wird als deklaratives Gedächtnis bezeichnet. Das deklarative Gedächtnis ist sozusagen eine Art Zeittafel über uns selbst; man spricht vom biografischen Selbstbezug. Dieser besteht aus Erinnerungen, die jeder Mensch hat. Alle Erlebnisse, die sich auf diese innere, eigene Zeittafel beziehen, sind Faktoren, die auch unser Sicherheitsverhalten steuern. Unser Gedächtnis greift auf verschiedene Netzwerke im Gehirn zu, die Erfahrungen, speziell jene aus den ersten Kindheitstagen, wieder abrufbar machen.
Die wichtigste Erfahrung eines Kindes ist, dass es durch Mutter, Vater oder Bezugspersonen Schutz und Geborgenheit erfährt, sodass es sich zu jeder Zeit daran "erinnert", also Gefühle entwickelt, die ihm unbewusst zuflüstern, dass es Bedrohungen oder Störungen kon-trollieren kann. Unsere Bindungsfähigkeit und unser Selbstvertrauen werden durch Umwelteinwirkungen als Engramme in unser Gedächtnissystem und in unsere Seele eingeschrieben und dort multicodiert gespeichert. Negative Erfahrungen, zum Beispiel mangelnde Fürsorge, behindern das Zusammenspiel der verschiedenen Lern- und Prägungserfahrungen und können sich so stark auswirken, dass ein Mensch seine Sicherheitsbedürfnisse vernachlässigt und sich selbst gefährdet.

Kinder, die beispielsweise im emotionalen Bereich geschädigt wurden, entwickeln eine Diskrepanz zwischen der Art der Strukturierung ihres Denkens über sich und der Art ihres Denkens anderen Personen gegenüber. Wer die Erfahrung gemacht hat, dass das Reden und das Handeln der Eltern nachhaltig widersprüchlich sind und sich mit Vorerfahrungen nicht vereinbaren lässt, entwickelt Gefühle von Verwirrung und Angst. Weil aber ein Kind Gedanken nicht zulassen kann, die bedeuten, dass von Mutter und Vater, also den wichtigsten Schutzpersonen, eine Gefahr ausgeht, wird diese Diskrepanz verdrängen. Das kann dazu führen, dass im Erwachsenenleben Anweisungen als nicht wichtig wahrgenommen und daher auch nicht eingehalten werden.

Wer in der Kindheit bei Übertretung von Anweisungen, die ihre bzw. seine Sicherheit betrafen, einmal bestraft wurde, ein anderes Mal aber nicht, speichert eine Handlungsanleitung, die etwa so lautet: "Anweisungen sind unwichtig; mach es so, wie es dir gute Gefühle erzeugt!" Diese "guten Gefühle" können zum Beispiel dazu führen, dass Mut gezeigt wird, der durch leichtsinniges Verhalten dann einen Unfall zur Folge hat.

Qualität des Schlafes wird in der frühen Kindheit geprägt

Um Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, allgemeines Verstehen, Einschätzen von Gefahren etc. optimal entwickeln zu können, ist ungestörter Schlaf in der Kindheit Grundvoraussetzung. Für das störungsfreie Zusammenspiel aller Hirnfunktionen brauchen wir zu jeder Zeit unseres Lebens Schlaf in guter Qualität, um uns zu erholen - ganz besonders aber in unserer frühen Kindheit.

So zeigte sich zum Beispiel in der Anamnese, dass Patienten, die unter extremen Schlafstörungen leiden, darüber berichten, dass sie in ihrer Kindheit regelmäßig im Schlaf gestört wurden - etwa, weil die Eltern Streit hatten, ihnen das Angst machte und sie daher nicht schlafen konnten. Das kann dazu führen, dass Personen auch im Erwachsenenleben einen sehr störungsanfälligen Schlaf haben und sich nicht entsprechend erholen können. Dauernde Müdigkeit und das Gefühl, nicht ausgeschlafen zu sein, vermindern aber die Gefahrenwahrnehmung.

Angst

Wer Angst vor etwas hat, wird "vor Angst zittern", die Hände werden feucht, die Schultern werden hochgezogen etc. Das bewirkt, dass zum Beispiel ein Gegenstand fester gehalten werden will, aber nicht fester gehalten werden kann. Wer Angst hat, etwas zu sagen, weil in seiner Kindheit Widerspruch mehrheitlich bestraft wurde, wird leiser, schneller, undeutlicher etc. sprechen oder schweigen, auch dann, wenn zum Beispiel eine Sicherheitsanweisung nicht verstanden wurde. Der Grund: Der Mund wird trocken, er oder sie "bringt kein Wort heraus" - alles Verhaltensweisen, die unser Sicherheitsverhalten beeinflussen.

Das limbische System

Es ist unser sogenanntes limbisches System, das alles bewertet, was Körper und Gehirn tun. Wird eine Wahrnehmung, die zu einer Handlung führt, als gut, lustvoll, erfolgreich etc. eingestuft, kommt der Befehl "Wiederholen". Wird ein Gefühl ausgelöst, das der Handelnde als ungut, schlecht, schmerzhaft, erfolglos etc. einordnet, dann folgen Vermeidungshandlungen. Wenn also in der Kindheit gefährliche Situationen als zu lobende Mutproben oder das Vermeiden gefährlicher Konstellationen als feig bezeichnet wurden, speichert das Gehirn diese Gefühle und steuert unser Verhalten entsprechend.  Wenn ein Kind immer wieder erlebt, wie in der Familie mit gefährlichen Situationen sorglos umgegangen wird und so einen "falschen Glauben" entwickelt, der sich in "Es kann eh nichts passieren" widerspiegelt, wird es sich permanent Gefahren ausliefern, die es nicht richtig einschätzen kann, und sich auch im Erwachsenenleben so verhalten. Das limbische System beginnt seine Arbeit - also das Speichern von Gefühlen aus Erfahrungen - bereits im Mutterleib. Aber in den ersten zehn Lebensjahren, in einer Lebensphase also, in der vom Kind wichtige Entwicklungsschritte zu bewältigen sind, werden die bedeutendsten Engramme für das gesamte Leben vorbereitet. Alle Bewertungen werden als Gefühle im emotionalen Erfahrungsgedächtnis abgelegt. Es sind speziell die Nervenzell-Netzwerke der Amygdala, die Gedächtnisspeicher für seelische und körperliche positive und negative Erfahrungen darstellen. Gerade wenn Menschen existenziell in ihrer Selbsterhaltung bedroht, also in Gefahr sind, werden diese Vernetzungen tätig, um Verhaltensweisen zu steuern, die gefährliche Situationen bewältigbar machen.
Ein Kind, das gequält oder von seinen Eltern gedemütigt wurde, weil es sich etwas nicht traute, wird versuchen, diese unaushaltbare Situation psychisch zu meistern und entgegen seinen inneren "Warnern" handeln. In der Psychologie bezeichnet man diese Mechanismen als Dissoziation und Selbstentfremdung oder Depersonalisation. Der Begriff "Dissoziation" leitet sich vom lateinischen Wort für "Trennung" ab. Getrennt beziehungsweise abgespalten oder verdrängt werden diejenigen Anteile der Realität, die nicht bewältigt werden können. Dieser Vorgang lässt sich von der Person aber nicht bewusst herstellen; er wird vom Gehirn sozusagen als Notprogramm gestartet, wenn die Auseinandersetzung mit der Realität unerträglich wird. Daher bleiben die Zusammenhänge im Unbewussten.

Perfektionismus

Wer heute an die Decodierung von in der frühen Kindheit angelegten sogenannten Engrammen aus der Kindheit herangeht, muss die wichtigen Erkenntnisse der Hirnforschung über die Entwicklung des kindlichen Gehirns miteinbeziehen. Wir können nicht mehr so tun, als wüssten wir nichts von den Zeitfenstern, in denen entscheidende Entwicklungsschritte möglich sind. Wenn Eltern Liebe von Leistung abhängig machten und beharrlich durch Zusätze wie "Es muss noch besser gehen" oder "Du kannst das sicher noch schöner machen" dem Kind nie das Gefühl gaben, mit einer Leistung zufrieden sein zu dürfen, haben sie das Selbstvertrauen des Kindes zerstört. Menschen mit solchen Kindheitserfahrungen neigen zum Perfektionismus. Sie suchen danach, alles perfekt zu machen, und finden dabei nie das richtige Maß. Sie leiden unter einem inneren Wunsch nach Anerkennung. Und in der Hoffnung, den Hunger, geliebt zu werden und Anerkennung zu bekommen, endlich gestillt zu bekommen, wollen sie alles perfekt machen. Sie arbeiten bis zur Erschöpfung und vernachlässigen dringend notwendige Ruhephasen. Ihre Müdigkeit anerkennen sie nicht, womit ihr Sicherheitsverhalten eingeschränkt wird.

Mut

Kinder kommen mit einer riesigen Entdeckerfreude und mit Gestaltungslust auf die Welt. Später im Leben wird von den Menschen verlangt, dass sie kreativ sein sollen, dass sie die Schätze, mit denen sie als Kind ausgestattet waren, nicht auf dem Weg ins Erwachsenenleben verloren haben sollen. Wem aber immer gesagt wurde: "Pass auf, du kannst das nicht", wer überbehütet wurde und nicht auf Entdeckungsreise gehen durfte, wird auch später im Leben eher vorsichtig sein. So ein Mensch ist sozusagen nicht darin geübt, mit Gefahren kompetent umzugehen, sie oder er verfügt über keine Bausteine für wirksame Sicherheitsverhaltensweisen.

Damit ein Mensch seine Potenziale entfalten und zu einer kompetenten Persönlichkeit heranreifen kann, braucht er in der Kindheit Gefühle, die zu Ressourcen werden. Ob wir dies wollen oder nicht: Unsere Mutter, Vater oder andere Bezugspersonen waren auch in gewisser Weise unsere Vorbilder, an denen wir uns orientierten. Das kann im Erwachsenenleben zweierlei Auswirkungen haben: entweder negative - "Ich will auf keinen Fall werden wie meine Mutter, Vater oder Bezugsperson" - oder positive. Waren die Vorbilder in der Kindheit Menschen, die ein gut ausgeprägtes Sicherheitsverhalten vorlebten, ist die Chance auf ein gut funktionierendes Copingverhalten bei Gefahr groß. Wer als Kind allerdings mit seiner Angst bei Gefahr alleine gelassen wurde, wer keine Unterstützung bekam, um selbstattribuierend ein Gefahrenproblem zu lösen, hat die Erfahrung ins Leben mitgenommen, dass "einem eh niemand helfen kann". Solche Menschen haben es schwer, aus einem Misserfolgserlebens herauszufinden, einen Ausweg aus einer Misere zu finden und bei Gefahr um Rat zu fragen.

Der Mensch ist sein ganzes Leben lang ein soziales Wesen und darauf angewiesen, mit anderen Menschen zu kooperieren. Je besser jemand das in der Kindheit gelernt hat, desto besser gelingt es im Erwachsenenleben. Das Verantwortungsgefühl wird dann gestärkt, wenn Kindern möglichst viele Gelegenheiten geboten werden, dieses zu entwickeln. Angst und Stress sowie das starke Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Liebe geben den Takt für unser Verhalten im ganzen Leben. Lebenslang meldet sich sozusagen unser "inneres Kind" und will diese Bedürfnisse befriedigt bekommen, und zwar umso mehr, wenn diese in der Kindheit nicht genügend erfüllt wurden. Diese Defizite aus der Kindheit führen häufig zu hohen und unrealistischen Erwartungen an sich und auch an die anderen Menschen.

Die Folge kann eine starke Abhängigkeit von Bewertungen anderer Menschen sein, die dazu führt, dass wir das tun, was andere als Preis für ihre Zuneigung und Sympathie von uns erwarten oder gar verlangen. Wir zeigen uns dann sogar bereit, jegliches Sicherheitsverhalten hintanzustellen, nur um endlich "geliebt und anerkannt" zu werden. Obwohl wir vernünftigerweise erkennen, dass wir diese verinnerlichten Verhaltensmuster aus der Kindheit, die damals notwendig waren, um als Kind überleben zu können, als Erwachsene nicht mehr brauchen, folgen wir diesen Engrammen und sind auch bereit, uns zu gefährden.
Viele Angsterkrankungen und Verbitterungsphänomene, die wir heute in der Arbeitswelt zu verzeichnen haben und die das Sicherheitsverhalten nachhaltig beeinflussen, sind auf die Erfahrungen in der Kindheit zurückzuführen. Wer Angst hat, als Feigling beschimpft zu werden, also erneut verletzt und zurückgewiesen zu werden, weil sie oder er sich "sicher" verhält, wer Angst hat, keine Anerkennung zu bekommen, also die Wunden in der Seele spürt, die in der Kindheit geschlagen wurden, wird Kritik schlecht vertragen und aus dieser Angst heraus Gefahren auf sich nehmen, nur um Zurückweisung zu vermeiden. Sicherheitsverhalten beinhaltet Sozialkompetenz, und diese setzt sich aus Anlagen wie Kontaktfähigkeit, Dialogfähigkeit, Teamfähigkeit, Partizipationsfähigkeit, Integrationsfähigkeit, Eigenreflexion, Verantwortungsbewusstsein und Empathie, aber auch aus dem Umgang, aus Neugier, Respekt und Wertschätzung den anderen gegenüber zusammen und begünstigt ein kompetentes Problemlöseverhalten.
Die moderne Hirnforschung gibt uns aber Zuversicht, dass wir dank der Plastizität unseres Gehirns zu jeder Zeit unseres Lebens durch individuelle Erfahrungen die Einschränkungen, die wir durch unsere Erfahrungen in der frühen Kindheit erlitten haben, korrigieren können. Die neuronale Plastizität, also die Selbstorganisationsfähigkeit des Gehirns, ist durch Einüben neuer Verhaltensweisen zu einer Umorganisation fähig und bereit, neue Autobahnen im Kopf zu bauen. Da aber eine Umorganisation neuronaler Netze und synaptischer Verbindungen bestimmte sensorische und motorische Aktivitäten erfordert, müssen sich diese neuen Verhaltensweisen in irgendeiner Form realisieren lassen. Und dazu muss natürlich auch der Wille da sein. Dies setzt bestimmte motivationale Zustände voraus, und auf diesem Gebiet ergibt sich eine große Chance für nachhaltigen Support für die Arbeitspsychologie. Niemand sagt, dass wir ein Leben lang auf Ärger und Enttäuschung gleich reagieren oder immerzu nach jener Liebe suchen müssen, die wir in der Kindheit nicht erhalten haben. Jeder Mensch kann nach Möglichkeiten suchen, die eigene Vergangenheit zu erforschen und zu verstehen, was dahintersteckt, wenn wir uns wie "ferngesteuert" verhalten, unnötig Risiken eingehen und durch Leichtsinn unser Leben gefährden. Wer sich selbst versteht, kann alte Verhaltensmuster, die aus der Kindheit stammen, loslassen, und Wege suchen, das Leben selbstbestimmt zu gestalten.

Literatur
Julia Umek: Was sagt mir meine Kindheit? Die eigene Entwicklungsgeschichte erkennen und beeinflussen
Kneipp-Verlag, ISBN 978-3-7088-0477-4

Dr. Julia Umek
Gesundheitspsychologie -
Arbeitspsychologie -
Wirtschaftspsychologie - Sportpsychologie - Notfallpsychologie - Psychoonkologie
http://www.lebensstil.at 

Zusammenfassung

Unser Sicherheitsverhalten ist in sehr hohem Maß von Kindheitserfahrungen geprägt. Erhöhte Risikobereitschaft, Selbstüberschätzung oder das falsche Beurteilen von Gefahrensituationen sind oft die Folge von Erlebnissen und "Erlerntem" aus den ersten Lebensjahren, entstanden aus den vielfältigsten kindlichen Gefühlen und Motivationen. Die moderne Hirnforschung gibt uns jedoch die Zuversicht, dass wir dank der Plastizität unseres Gehirns zu jeder Zeit in unserem Leben infolge individueller Erfahrungen die Einschränkungen, die wir durch unsere Erfahrungen in der frühen Kindheit erlitten haben, korrigieren können.

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