Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen finden Sie unter Impressum. Impressum
Sichere Arbeit

Ausgrenzung minimieren - Akzeptanz maximieren

Humane Arbeitswelt

Die Studiengänge Gesundheits- und Pflegemanagement der Fachhochschule Kärnten setzen zahlreiche Initiativen zur Förderung einer humanen Lebenswelt für HIV-positive und AIDS-kranke Menschen. Besonders groß geschrieben wird dabei die Sensibilisierung von in Gesundheitsberufen Tätigen - für mehr Toleranz und zur Sicherung der Versorgungsqualität. Ein Blick hinter die Kulissen im Monat Dezember, das im Zeichen des Weltaidstages steht.

HIV-positive und aids-kranke Menschen sind in unserer Gesellschaft mit zahlreichen Vorurteilen und mit Ausgrenzung konfrontiert. Eine kürzlich veröffentlichte Studie über 1.148 Menschen mit HIV in Deutschland zeigte, dass 26 Prozent derer, die ihren HIV-Status am Arbeitsplatz offenbarten, von Diskriminierung durch die ArbeitgeberInnen betroffen sind; Ausschluss von Familienaktivitäten (7 Prozent), verbale Beleidigungen (14 Prozent) und die Tatsache, dass hinter dem Rücken der Betroffenen getratscht wird (31 Prozent), beeinflussen das soziale Leben negativ (Deutsche AIDS-Hilfe e.V., 2012).

Diskriminierung HIV-positiver und aidskranker Menschen

Trotz breit angelegter Aufklärungskampagnen und anderer präventiver Bemühungen halten sich Ängste und Übertragungsmythen hartnäckig. Das macht auch vor dem Gesundheitswesen nicht halt. So berichten HIV-positive und aidskranke Menschen von schlechten Erfahrungen mit im Gesundheitswesen Tätigen: „Sonderbehandlung“ bei Terminvergaben, mangelnde Verschwiegenheit oder gar Behandlungsverweigerung wirken sich einschränkend auf die Versorgungsqualität aus (UNAIDS, 2010) und führen sogar zu Vermeidungstendenzen und Versorgungsverzicht aufseiten der Betroffenen (Deutsche AIDS-Hilfe e.V., 2012).

Die Fachhochschule Kärnten, Studiengänge Gesundheits- und Pflegemanagement, initiiert daher Projekte, die für die Thematik HIV und Aids im Allgemeinen sensibilisieren sollen und sich der Entwicklung sowie Realisierung spezieller Maßnahmen für im Gesundheitswesen Tätige widmen. Der vorliegende Beitrag bietet einen Einblick in die bisher umgesetzten Initiativen.

Für Sensibilisierung, gegen Diskriminierung: Initiativen an der Fachhochschule Kärnten

In Kooperation mit der International Aids Society (IAS) und der Aidshilfe Kärnten werden an der Fachhochschule Kärnten zahlreiche Projekte realisiert, um auf das Thema HIV/Aids generell aufmerksam zu machen und wichtige Sensibilisierungsarbeit im Speziellen in der Zielgruppe der im Gesundheitswesen Tätigen zu leisten.

HIV und Aids in Österreich – eine Bestandsaufnahme

Im Vorfeld der XVIII Internationalen Aidskonferenz (AIDS 2010), die im Juli 2010 in Wien stattfand, arbeitete die Fachhochschule Kärnten in Kooperation mit der International Aids Society an einem Pilotprojekt (IAS, 2010): Als „Local Evaluation Partner“ wurde dabei das Ziel verfolgt, eine Literaturübersicht zu HIV- und Aids-relevanten Studien, die im Zeitraum von 2000 bis 2010 in Österreich publiziert worden waren, zu erstellen.

Im Fokus standen dabei Untersuchungen, die sich mit Aspekten wie etwa HIV-/Aids-Bewusstsein, Verhütung, Einstellung zu Verhütung u. Ä. beschäftigen. Auf Basis dieser Literaturübersicht sollte festgestellt werden, welche Relevanz dieses Forschungsfeld in Österreich hat und welche zentralen empirischen Befunde existieren. Der Bericht ist online frei verfügbar (Brunner & Kada, 2010). Bereits aus der geringen Anzahl identifizierter Studien kann ein geringer Stellenwert HIV- und Aids-bezogener Forschung in Österreich für den untersuchten Zeitraum 2000 bis 2010 abgeleitet werden. Dabei lässt sich eine klare Fokussierung Jugendlicher und junger Erwachsener erkennen – Zielgruppen, die auch laut Expertinnen und Experten der österreichischen Aidshilfen im Zentrum  der Präventionsarbeit stehen (Brunner, 2008). Das hier beschriebene Pilotprojekt wurde auch in Russland, der Ukraine, in Estland sowie Kirgisistan durchgeführt (IAS, 2010).

Conference Hub zur XVIII Internationalen Aidskonferenz
Um die Erkenntnisse der XVIII Internationalen Aidskonferenz (AIDS 2010) einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wurden weltweit sogenannte Conference Hubs veranstaltet. Gesundheits- und Bildungseinrichtungen wurden damit zum Austragungsort von Minikonferenzen, im Zuge derer ausgewählte Sessions der AIDS 2010 als Videobeiträge gezeigt und diskutiert wurden. Weltweit wurden in 20 Ländern derartige Minikonferenzen veranstaltet. Die Fachhochschule Kärnten war in Kooperation mit der Aidshilfe Kärnten Veranstalterin der einzigen österreichischen Conference Hub. Unter dem Titel „Fighting against HIV and AIDS“ wurde dabei vor allem die Prävention bei Jugendlichen und bei IV-Drogenkonsumierenden ins Zentrum gestellt, aber auch die Diskriminierung HIV-positiver und aidskranker Menschen diskutiert.

Sensibilisierungsworkshops für im Gesundheitswesen Tätige

Die Diskriminierung HIV-positiver und aidskranker Menschen führt zu sozialer Ungleichheit, zu reduzierter Lebensqualität für die Betroffenen und behindert den Zugang zu adäquater gesundheitlicher Versorgung (Parker & Aggleton, 2003). Selbst im Gesundheitswesen Tätige, die vor dem Hintergrund ihrer Profession über die Risiken im Kontext von HIV und Aids bestens Bescheid wissen (müssten), haben Berührungsängste – eine Tatsache, die es in der Ausbildung zu berücksichtigen gilt (Vance & Denham, 2008). Aus diesem Grund wurden für die Studiengänge Gesundheits- und Pflegemanagement der Fachhochschule Kärnten Sensibilisierungsworkshops konzipiert und realisiert (Brunner & Wilhelmer, 2011).

Ziel war es, den Studierenden eine Möglichkeit zu bieten, über das Thema HIV und Aids zu reflektieren sowie offene Fragen und Ängste mit einer Expertin der Aidshilfe Kärnten (M. Wilhelmer) zu diskutieren. Zur Anwendung kam dabei das Konzept des Weltcafé (The World Café, 2002): An unterschiedlichen Thementischen wurden den Studierenden Diskussionsimpulse gegeben. So wurde beispielsweise die Situation HIV-positiver und aidskranker Menschen im Kontext Pflegeheim anhand eines Fallbeispiels bearbeitet, unterschiedliche Quellen von Stigmatisierung wurden identifiziert und eigene Mythen hinterfragt. Im Jahr 2012 nahmen insgesamt knapp 50 Studierende an Sensibilisierungsworkshops teil. Dadurch konnten zukünftige EntscheidungsträgerInnen in unserem Gesundheitswesen und im Falle berufsbegleitender Studierender auch bereits im Gesundheitswesen Tätige erreicht werden.

„Wenn ich HIV-positiv wäre …“ – Eine Antidiskriminierungskampagne

Angeregt durch die bereits geschilderten Initiativen startete die Fachhochschule Kärnten in Kooperation mit der Aidshilfe Kärnten im Jahr 2011 ein Projekt zur Entwicklung einer Antidiskriminierungskampagne. Ausgangspunkt bildete dabei eine Befragung zu Diskriminierungserfahrungen von 20 HIV-positiven Menschen in Kärnten (Brunner et al., 2012): Dabei ließen sich starke Verheimlichungstendenzen in Bezug auf den HIV-Status im Freundeskreis und am Arbeitsplatz zeigen. Schlechte Erfahrungen im Kontext des Gesundheitswesens wurden häufig berichtet. Dabei nannte man Behandlungsverweigerung, mangelnde Verschwiegenheit und als Letzter bzw. Letzte an die Reihe zu kommen. Diese Ergebnisse sowie eine umfangreiche Literaturrecherche zur Diskriminierung HIV-positiver und aidskranker Menschen bildeten die Basis für die Entwicklung der Kampagne „Wenn ich HIV-positiv wäre …“.

Diese Initiative verfolgte drei Ziele: (1) Stigmatisierung und Diskriminierung HIV-positiver und aidskranker Menschen ins Bewusstsein rufen, (2) auf das Thema „HIV/AIDS und im Gesundheitswesen Tätige“ hinweisen und (3) einen Beitrag zu einer humanen und qualitätsvollen Versorgung HIV-positiver und aidskranker Menschen leisten. Die Kampagne richtet sich primär an im Gesundheitswesen Tätige und arbeitet mit einem „etwas anderen“ Gedankenexperiment: Pflegekräfte, Ärzteschaft, Rettungsdienst oder auch funktionelle Therapeutinnen und Therapeuten sollen zu Überlegungen animiert werden, welche Konsequenzen es im Beruf wohl hätte, wenn sie selbst von einer HIV-Infektion betroffen wären.

Durch die Auseinandersetzung mit potenziellen eigenen Diskriminierungserfahrungen soll eine Reflexion über Vorbehalte und negative Einstellungen gegenüber HIV-positiven und aidskranken Menschen angeregt und eine Sensibilisierung für die Arbeit mit dieser Zielgruppe erreicht werden. Die Kampagnenmaterialien (Poster, Flyer in Postkartenformat, Onlineauftritt) wurden zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember präsentiert und in weiterer Folge disseminiert.

Conference Hub zur XIX Internationalen Aidskonferenz

Im Oktober 2012 veranstaltete die Fachhochschule Kärnten in Kooperation mit der Aidshilfe Kärnten die zweite und einzige österreichische Conference Hub. Ausgewählte Videobeiträge der XIX Internationalen Aidskonferenz (AIDS 2012), die im Juli 2012 in Washington DC (USA) stattgefunden hatte, wurden gezeigt. Weltweit finden bis zum Jahresende 2012 knapp 140 Conference Hubs in etwa 40 Ländern statt. Unter dem Titel „Für Sensibilisierung, gegen Diskriminierung“ wurde die bisherige Antistigmatisierungsarbeit fortgesetzt. Mit über 70 TeilnehmerInnen – vor allem im Gesundheitswesen Tätigen und Studierenden gesundheitsbezogener Studiengänge – konnte ein weiterer Schritt in der Sensibilisierungsarbeit geleistet werden.

Fazit

Die medizinischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte haben Aids zu einer gut behandelbaren chronischen Erkrankung gemacht; tief verwurzelte gesellschaftliche Vorurteile und Ausgrenzung gefährden aber die Lebens- und Versorgungsqualität der Betroffenen. Somit ist es unabdingbar, Strategien zu entwickeln, die eine humane Lebenswelt für HIV-positive und aidskranke Menschen garantieren. Als Basis dafür fungiert HIV-bezogene Forschung, der zukünftig in Österreich mehr Berücksichtigung geschenkt werden sollte. Für die Sensibilisierung von im Gesundheitswesen Tätigen muss das Thema HIV und Aids verstärkt Eingang in die Ausbildungscurricula finden und auch zu einem bedeutenden Bestandteil von Fortbildungsmaßnahmen werden.

Literatur
Brunner, E (2008). Jugendsexualität heute. Schutzverhalten zwischen Lust und Vertrauen. Saarbrücken: VDM.
Brunner, E. & Kada, O. (2010). Evaluation Project: “Assessing Conference Impact on the Public”. Online in Internet: http://www.fh-kaernten.at/fileadmin/media/gpm/gp_PHASE_1_report_Austria_CUAS_final_version_2010.pdf [1.11.2012]
Brunner, E. & Wilhelmer, M. (2011). Wider der Diskriminierung HIV-positiver und AIDS-kranker Menschen. Ein innovativer Ansatz zur Sensibilisierung von Tätigen im Gesundheitswesen. PlusMinus, 3, 13–14.
Brunner, E., Wilhelmer, M., Neugebauer, S., Kreiner, P. & Nagele, G. (2012). „Wenn ich HIV-positiv wäre…“ Für Sensibilisierung, gegen Diskriminierung im Gesundheitswesen. PlusMinus, 1, 6–7.
Deutsche AIDS-Hilfe e.V. (Hrsg.). (2012). Positive Stimmen verschaffen sich Gehör. Die Umsetzung des PLHIV Stigma Index in Deutschland. Berlin: Deutsche AIDS-Hilfe e.V.
IAS (2010). Evaluation report. AIDS 2010. Online in Internet: http://www.iasociety.org/Web/WebContent/File/AIDS2010_evaluation_report.pdf [01.11.2012].
Parker, R. & Aggleton, P. (2003). HIV and AIDS-related stigma and discriminiation: a conceptual framework and implications for action. Social Science & Medicine, 57, 13–24.
UNAIDS (2010). Getting to zero: 2011–2015 strategy Joint United Nations Programme on HIV/AIDS (UNAIDS). Online in Internet: http://www.unaids.org/en/media/unaids/contentassets/documents/unaidspublication/2010/jc2034_unaids_strategy_en.pdf [4.11.2012].
Vance, R. & Denham, S. (2008). HIV/AIDS related stigma: Delivering appropriate nursing care. Teaching and Learning in Nursing, 3, 59–66.
The World Café (2002). The World Café presents … Café to Go! A quick reference for putting conversations to work. Online in Internet: http://www.camex.org/Portals/CAMEX/Documents/education/world_cafe_reference_guide.pdf [1.9.2012]

Mag. Dr. Eva Mir, geb. Brunner
FH-Professorin für Angewandte Sozialwissenschaften
Studiengänge Gesundheits- und Pflegemanagement
Studienbereich Gesundheit und Soziales
Fachhochschule Kärnten
Hauptplatz 12, 9560 Feldkirchen
Email:
e.mir@fh-kaernten.at
Telefon: 0043 (0)50 90500 4124

Zusammenfassung

Diskriminierung HIV-positiver und AIDS-kranker Menschen ist ein weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen, das es zu bekämpfen gilt. Der vorliegende Beitrag gibt einen Überblick über Initiativen der Fachhochschule Kärnten in Kooperation mit der International Aids Society und der Aidshilfe Kärnten: Neben einer Literaturübersicht zum Stellenwert HIV-bezogener Forschung in Österreich wurden bereits zweimal sogenannte Conference Hubs als Minikonferenzen zu den Internationalen Aidskonferenzen veranstaltet. Workshops für im Gesundheitswesen Tätige sollen deren Berührungsängste abbauen und die Kampagne "Wenn ich HIV-positiv wäre…" richtet sich als weitere Sensibilisierungsmaßnahme an diese Zielgruppe. Zur Sicherung der Versorgungsqualität muss das Thema HIV und AIDS zukünftig eine stärkere Berücksichtigung erfahren.

Artikel weiterempfehlen